Iran – Hamburg: Islamisches Zentrum als verlängerter Arm der Ajatollahs

Der stellvertretende Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg wurde aus Deutschland ausgewiesen.

Wie die Deutsche Welle unter Berufung auf die Hamburger Morgenpost berichtet, wurde Seyed Soliman Mousavifar, der stellvertretende Leiter des Islamischen Zentrums in Hamburg (IZH), des Landes verwiesen. Die Hamburger Innenbehörde bestätigte, dass ihm eine Ausweisungsverfügung zugestellt wurde. Ihm wird die Unterstützung militanter schiitisch-extremistischer und terroristischer Organisationen vorgeworfen. Er habe Verbindungen zu zwei für die Hisbollah tätige Spendensammelvereine unterhalten sowie enge Kontakte zu Vertretern der Hisbollah im Libanon gepflegt. Die Hisbollah wurde im April 2020 von deutschen Behörden als terroristische Vereinigung verboten.

Der 46-jährige Geistliche Seyed Soliman Mousavifar muss Deutschland innerhalb von 3 Monaten verlassen und darf nicht wieder einreisen, sonst drohen ihm bis zu 3 Jahren Haft. 2016 war er mit einem Studienvisum für Akademiker nach Deutschland eingereist und wurde als Geistlicher vom Islamischen Zentrum in Hamburg eingestellt. Im Januar 2017 reisten seine zwei Kinder und seine Frau ein. Zwei weitere Kinder wurden in Deutschland geboren. Nach zweimaliger Verlängerung wurde ihm nun der weitere Aufenthalt in Deutschland verweigert.

Mittlerweile hat auch der Hamburgische Schura-Rat, eine islamische Organisation, die etwa 40 Moscheen und andere islamische Institutionen in Hamburg vertritt, das Islamische Zentrum in Hamburg (IZH) aus seinem Vorstand ausgeschlossen. Grund seien Vorwürfe gewesen, dass es sich beim IZH um den „verlängerten Arm“ des Terrorismus des Irans handle.

Laut Angaben des Hamburger Landesamts für Verfassungsschutz wird der aktuelle IZH-Leiter Muhammad Mofatteh auch in offiziellen Schreiben der iranischen Staatsführung als „Vertreter des Obersten Führers, Leiter des Islamischen Zentrums“ adressiert. Die Verfassungsschutzbehörde soll erklärt haben, dass Mohammad Hadi Mofatteh Mitglied der Iranischen Revolutionswächter sei.

https://www.iran-emrooz.net/index.php/news1/more/100285/

iran-emrooz.net | Sun, 19.06.2022, 14:00

17.06.2022 Hamburger Morgenpost

https://www.iranintl.com/en/202206199642

Germany Expels Iranian Cleric Over Support For Shiite Extremists

6/19/2022

https://www.sueddeutsche.de/politik/blaue-moschee-iran-aussenposten-islamismus-unterwanderung-1.5366534

Hamburg: Teherans geheimer Außenposten

29. Juli 2021, 14:42 Uhr

Etwa 100 iranische Filmemacher forderten das Militär auf, die Waffen niederzulegen

Protestmarsch in Abadan

100 iranische Filmemacher

Ungefähr 100 iranische Filmemacher gaben am Sonntag, dem 29. Mai 2022, eine Erklärung ab, in der sie das Militär der Islamischen Republik aufforderten, die Waffen niederzulegen und sein Vorgehen gegen Demonstranten im Iran zu beenden. Diese jüngste Erklärung iranischer Filmemacher bezieht sich auf den Einsturz des Metropol-Turms in Abadan, der zu weit verbreiteten Protesten in der Stadt sowie in mehreren anderen iranischen Städten geführt hat

Zar Amir Ebrahimi

Bei den 75. Filmfestspielen von Cannes, die am Samstagabend zu Ende gingen, drückte Zar Amir Ebrahimi, die iranische Schauspielerin in dem Film „Holy Spider“ von Ali Abbasi, den Menschen in Abadan ihr Beileid aus, nachdem sie auf dem Festival den Preis für die beste Schauspielerin erhalten hatte.

Saeed Roustaei

Saeed Roustaei, ein iranischer Regisseur, der dieses Jahr mit dem Film „Leila Brothers“ am Hauptwettbewerb dieses Filmevents teilnahm, überreichte ebenfalls den renommierten „Pfeiffer“-Preis und überreichte ihn in Sympathie und Solidarität an die Menschen in Abadan.

Schriftstellerverband Iran

In einer Erklärung vom 28. Mai warf der Schriftstellerverband Iran der Regierung der Islamischen Republik vor, im Zusammenhang mit der Tragödie des Zusammenbruchs der Metropol-Turms „Fakten zu verschleiern und falsche Nachrichten zu verbreiten“, und betonte, dass diese Zerstörung enthüllt werde.

Beim Einsturz der Metropol-Turms inn Abadan sind bisher 44 Menschen ums Leben gekommen.

Neben Abadan, Dezful und der Stadt Rey, wo zuvor Protestkundgebungen gemeldet worden waren, ging am Abend des 28. Mai auch eine Gruppe von Einwohnern von Andimeshk auf die Straße und rief Parolen gegen die Regierung.

Offizielle Berichte besagen sogar, dass Spezialeinheiten Tränengas und Kugeln auf einige der Demonstranten abgefeuert haben und dass eine Reihe von Demonstranten verletzt und einige festgenommen wurden.

Aber der wichtigste Punkt dabei ist die breite Unterstützung der Menschen anderer Städte für Abadan und Sympathie mit ihnen. Die Menschen in Khorramshahr, Andimeshk, Shahinshahr, Ahvaz, Behbahan, Bushehr, Yazd und Qom zeigten mit ihren nächtlichen Demonstrationen ihre Solidarität, Sympathie und Unterstützung für die Menschen in Aban. Diese Unterstützungskundgebungen verärgerten auch die Regierung, die mit der Zunahme dieser Protestdemonstrationen nach und nach repressive Kräfte einsetzte und versuchte, die Ausbreitung dieser Proteste und Solidarität zu verhindern, indem sie auf die Menschen schoss.

Quelle:

حدود ۱۰۰ سینماگر ایرانی از نظامیان خواستند سلاح‌هایشان را بر زمین بگذارند
Radio Farda, 1.6.2022
https://www.radiofarda.com/a/letter-to-iranian-troops-by-100-cinema-figures/31873909.html

Iran: Abadan – ein Symbol der Islamischen Republik

Abadan. Sonntagabend, 29 Mai marschierten die Stämme der Region auch mit ihren Stammesflaggen in Abadan und schlossen sich den Demonstranten an.

Am 23. Mai 2022, stürzte in Abadan ein Hochhaus in sich zusammen. Es war für sechs Stockwerke erbaut worden, dann wurden noch drei Stockwerke aufgesetzt, dann nochmal zwei. Die Statik trug die Last nicht mehr. Die Behörden verkündeten bald, dass auch der Eigentümer des Hochhauses aus den Trümmern geborgen wurde. Für die Behörden sicher die beste Lösung, um ihre eigene Untätigkeit und Korruptheit zu entlasten. Ob die Meldung auch der Wirklichkeit entspricht – wer kann es prüfen?

Während die Entsendung von Hilfskräften für die Opfer staatlich behindert worden sei, konzentrierten sich die Staatsorgane vor allem auf die Entsendung diverser Sicherheitskräfte nach Abadan, um Proteste zu unterdrücken.

Wie Jamshid Barzgar in der persischsprachigen Ausgabe von Independent schreibt, ist Abadan ein Sinnbild der Islamischen Republik Iran. Eine Stadt im Zentrum der Erdölindustrie, wo viel Geld fließt und die Armut sprießt. Eine Stadt, wo die Islamische Revolution ihren Ausgang genommen hat.

Der Brandanschlag auf Cinema Rex

Jamshid Barzgar weist hier auf den Brandanschlag im Cinema Rex am 19. August 1978 hin, dem 420 Kinobesucher zum Opfer fielen, die im Rauch und den Flammen umkamen. Damals machten viele den iranischen Geheimdienst SAVAK verantwortlich. Der Brand war die Initialzündung für Proteste im ganzen Iran, die im Februar 1979 in der Revolution mündeten. Später erklärte Hossein Takbalizade, dass er mit anderen zusammen dan Brand gelegt habe. Es wurde deutlich, dass der spätere Religiöse Führer Ruhollah Chomeini den Auftrag für den Brandanschlag gegeben hatte, laut Hossein Boroujerdi soll der jetzige Religiöse Führer Ali Chamene’i den Brennstoff für den Brandanschlag nach Abadan gebracht haben. Zu Schahzeiten wurden die Ermittlungsergebnisse geheim gehalten, weil man befürchtete, dass es den politischen Verhandlungen schaden würde, wenn man das Handeln der Geistlichen publik machte, unter der Islamischen Republik wurde das Verfahren damit beendet, dass wichtige Zeugen des Geschehens hingerichtet wurden.

Krieg in Chorramschahr

Schon am 30. Mai 1979, nur drei Monate nach der Revolution, begann die Islamische Republik ihren ersten Krieg gegen die eigene Bevölkerung in Chorramschahr, wenige Kilometer von Abadan entfernt, direkt an der Grenze zum Irak. Laut Angaben der arabischen Wikipedia kamen infolge der Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Kräften der neuen Regierung auf der einen Seite und von arabischen Unabhängigkeitsbewegungen auf der anderen Seite über 300 Araber aus der Region Abadan ums Leben, einige von ihnen im Kampf, die anderen als Opfer von Hinrichtungen. Separatismus war das Schlagwort der neuen Machthaber, nicht anders als das ihrer imperialen Vorgänger.

Der iranisch-irakische Krieg

Als der irakische Herrscher Saddam Hussein 1980 die Schwächung der iranischen Armee infolge der Revolution und der Flucht des Schahs und seiner Offiziere nutzen wollte, war Abadan eines der ersten Angriffsziele. Am 22. September 1980 griffen irakische Truppen Chorramschahr an und die irakische Luftwaffe bombardierte zahlreiche iranische Großstädte. Das war der Auftakt zur nächsten Welle der Zerstörung der Region Abadan und der von Arabern bewohnten Grenzregion. Der iranische Widerstand führte dazu, dass Saddam Husseins Truppen das Gebiet nicht halten konnten, aber die Zerstörung der Erdölindustrie von Abadan gelang ihnen allemal.

Auch nach dem Ende des irakisch-iranischen Kriegs 1988 – die Unterdrückung der arabischen Lokalbevölkerung war und ist ein wichtiges Ziel der Herrscher der islamischen Republik.

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=247410

vom 4. Chordad 1401 (25. Mai 2022)

آبادان، تصویر تمام‌نمایی از ایران تحت اشغال جمهوری اسلامی

https://fa.wikipedia.org/wiki/فروریختن_ساختمان_متروپل

(2. Chorad 1401 = 23. Mai 2022)

https://fa.wikipedia.org/wiki/آتش%E2%80%8Cسوزی_سینما_رکس_آبادان

(28. Mordad 1357 – 19. August 1978)

https://de.wikipedia.org/wiki/Brandanschlag_Cinema_Rex

https://fa.wikipedia.org/wiki/چهارشنبه_سیاه_خرمشهر

https://ar.wikipedia.org/wiki/مجزرة_المحمرة

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Chorramschahr

https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Abadan

https://en.wikipedia.org/wiki/Siege_of_Abadan

Iran: Erneute Proteste

Menschen versammeln sich in Neishabour

Die Iranische Menschenrechtsorganisation weist in einem Bericht vom 25. Ordibehescht 1401 (15.05.2022) auf eine neue Repressionswelle im Iran hin.

Demnach begann am 17. Ordibehescht (7. Mai) aufgrund der Anhebung der Brotpreise und der Preise für einige andere wichtige Güter eine Protestwelle im Iran.

Am 21. Ordibehescht (11. Mai) hatte diese Welle die Städte Dezful, Mahshahr, Idhe und Shadegan erfasst, sie breitete sich rasch auf Shahrekord, Juneqan, Dorud, Khorramabad, Borujerd, Dehdasht, Pardanjan, Yazd, Rasht, Nishabur, Behbehan, Andimeshk, Suq und andere Orte aus.

Die Proteste gegen die Inflation waren begleitet von Protesten gegen den religiösen Führer Ajatollah Chamene’i und den aktuellen Präsidenten Ebrahim Rai’si.

Die Regierung setzte bewaffnete Kräfte gegen die protestierenden Menschen ein, wodurch mindestens vier Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Genaue Angaben über die Zahl der Verletzten und Verhafteten sind nicht erhältlich.

https://www.iran-emrooz.net/index.php/news1/more/99376/

vom Sonntag, 15.05.2022

Fehlende medizinische Versorgung in iranischen Gefängnissen: Menschen werden dem Tod überlassen

Mehrere Polizisten und Sicherheitsbeamte in unterschiedlichen Uniformen stehen verstreut auf einem asphaltierten Platz vor einem Gefängnistor

Das Evin-Gefängnis in der iranischen Hauptstadt Teheran (Archivaufnahme)

Iranische Gefängnisbehörden verletzen in schockierendem Ausmaß das Recht auf Leben, indem sie kranken Gefangenen die lebensrettende medizinische Versorgung verweigern. Die Behörden leiten weder Untersuchungen zu den Todesfällen in Haft ein noch ziehen sie die Verantwortlichen zur Rechenschaft, so Amnesty International in einem neuen Bericht.

Am 21. März starb der iranisch-australische Doppelstaatsbürger Shokrallah Jebeli im iranischen Evin-Gefängnis. Jebeli litt unter den Folgen von Schlaganfällen, Nierensteinen und hohem Blutdruck. Die Behörden hatten ihm angemessene fachärztliche Behandlung sowie Medikamente verweigert. Das iranische Evin-Gefängnis ist zum Synonym für Folter und Tod geworden, mit tausenden Hinrichtungen und dem Verschwinden zahlreicher politischer Gefangener. Unter den Insass_innen befinden sich auch mehrere politische Gefangene mit iranisch-europäischer Doppelstaatsbürgerschaft, darunter einige aus Deutschland und Österreich.

In dem neuen Bericht „In death’s waiting room: Deaths in custody following deliberate denial of medical care in Iran’s prisons“ dokumentiert Amnesty International, wie die Gefängnisbehörden im Iran routinemäßig zu Todesfällen in Haft beitragen oder sie sogar herbeiführen. So verzögern sie beispielsweise Notfallbehandlungen im Krankenhaus oder verweigern diese ganz. Die Behörden weigern sich, unabhängige und transparente Untersuchungen zu Todesfällen in Haft durchzuführen. Sie sorgen nicht dafür, dass gegen die Verantwortlichen Ermittlungen eingeleitet werden.

Amnesty International fordert von der Bundesregierung, sich im Rahmen der Vereinten Nationen für die Einrichtung eines unabhängigen Untersuchungsmechanismus für den Iran einzusetzen, um gegen die systematische Straflosigkeit vorzugehen.

Katja

Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland, sagt: „Die erschreckende Missachtung des menschlichen Lebens durch die iranischen Behörden hat die Gefängnisse für kranke Häftlinge in ein Wartezimmer des Todes verwandelt. Krankheiten, die gut zu behandeln sind, gehen in iranischen Gefängnissen tragischerweise oft tödlich aus. Todesfälle in Haft, die auf die Verweigerung von medizinischer Versorgung zurückzuführen sind, missachten das Recht auf Leben. Das ist gemäß dem Völkerrecht eine schwere Menschenrechtsverletzung. Wenn zudem die Verantwortlichen mit hinreichender Sicherheit wussten, dass ihr Handeln den Tod eines Menschen nach sich ziehen würde, käme dies sogar einer außergerichtlichen Hinrichtung gleich, was ebenso ein völkerrechtliches Verbrechen ist.“

In dem Bericht werden die Todesumstände von 92 inhaftierten Männern und vier Frauen in insgesamt 30 Gefängnissen in 18 iranischen Provinzen seit Januar 2010 beschrieben. Die Ergebnisse basieren auf einer Auswahl aussagekräftiger Fälle, auf langfristigen Erkenntnissen über die bewusste Verweigerung angemessener medizinischer Versorgung in iranischen Gefängnissen sowie auf einer umfassenden Auswertung von Berichten unabhängiger Menschenrechtsgruppen. 

Die 96 untersuchten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs, die tatsächliche Zahl der Todesfälle in Gewahrsam liegt sicher weit höher. Hinzukommen auch noch die von Amnesty International International nicht berücksichtigten Tode, bei denen physische Folter oder Schusswaffen zum Einsatz kamen. Zu diesen hat Amnesty International im September 2021 einen eigenen Bericht veröffentlicht.  

Die grassierende Straflosigkeit führt dazu, dass diese Tode in aller Regel ungestraft bleiben. Müller-Fahlbusch sagt: „Amnesty International fordert von der Bundesregierung, sich im Rahmen der Vereinten Nationen für die Einrichtung eines unabhängigen Untersuchungsmechanismus für den Iran einzusetzen, um gegen die systematische Straflosigkeit vorzugehen.“

Doppelstaatsbürger_innen in iranischen Gefängnissen

Derzeit befinden sich mindestens 17 Doppelstaatsbürger_innen aus Europa und Amerika in iranischer Gefangenschaft, darunter auch einige aus Deutschland und Österreich. Nach jahrelangen intensiven Verhandlungen zwischen Großbritannien und dem Iran wurden am 16. März zwei britisch-iranische Staatsbürger_innen, Nazanin Zaghari-Ratcliffe und Anoosheh Ashoori, freigelassen. Weitere Familien warten besorgt auf die Freilassung ihrer Angehörigen. 

Unter den Gefangenen des berüchtigten Evin-Gefängnisses im Iran befinden sich die österreichisch-iranischen Doppelstaatsbürger Kamran Ghaderi und Massud Mossaheb sowie die deutsch-iranische Doppelstaatsbürgerin Nahid Taghavi. Sie alle wurden nach mehrmonatiger Isolationshaft, Folter und grob unfairen Gerichtsverfahren zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die drei politischen Gefangenen leiden unter schweren gesundheitlichen Problemen. Eine angemessene medizinische Versorgung wird ihnen von den iranischen Behörden weiterhin verweigert.

https://www.amnesty.de/allgemein/pressemitteilung/iran-fehlende-medizinische-versorgung-in-gefaengnissen

Iran: Frauen müssen draußen bleiben

Maschhad vor Imam-Resa-Fußballstadion

Am 29. März 2022 fand in Maschhad im Imam-Resa-Fußballstadion in Maschhad im Rahmen der Vorauswahl zu den Fußballweltmeisterschaften 2022 in Qatar das Spiel zwischen den Nationalmannschaften des Irans und des Libanons statt. Zahlreiche Frauen kauften sich Eintrittskarten zum Fußballspiel. Im Gegensatz zu den männlichen Fans wurden sie aber nicht ins Stadion gelassen. Manche Frauen bekamen stattdessen eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Wieso den Frauen überhaupt Eintrittskarten verkauft wurde, wenn man sie doch nicht reinlassen will, verrieten die Verantwortlichen nicht. Nach FIFA-Regeln wäre der Ausschluss von Frauen aus dem Publikum unzulässig.

Der Generaldirektor für Sport und Jugend der Region Chorassane Rasawi, deren Hauptstadt Maschhad ist, erklärte im Interview, es habe widersprüchliche Meldungen gegeben, ob es Einschränkungen für die Zuschauer gebe. Der Beschluss sei in Teheran gefallen und das Ausführungsteam in Maschhad habe das ausgeführt, was ihm die Zentrale in Teheran angeordnet habe. Erst im letzten Moment sei bekannt geworden, dass die Spiele so (ohne weibliche Zuschauer) durchzuführen seien.

Der Generaldirektor stellte in Aussicht, dass Umbauten des Stadions geplant seien, und – so Gott will – würden dann auch die Voraussetzungen geschaffen, dass alle „Schichten“ teilnehmen könnten. Mit dem Begriff „Schichten“ sind hier die Frauen gemeint…

Maschhad vor Imam-Resa-Fußballstadion

Derselbe Generaldirektor wies auch darauf hin, dass Maschhad als kulturelles Zentrum der schiitischen Welt gelte. „Dementsprechend hätte man einige Probleme schon voraussehen müssen.“ Dies ist ein verhüllter Hinweis, dass Maschhad ein wirtschaftliches Zentrum der iranischen Geistlichkeit ist. Hier haben die Ajatollahs das Sagen. Und damit sei absehbar, dass sie eine Teilnahme von Frauen an Sportveranstaltungen mit Männern verhindern wollen. Diese Aussage des Generaldirektors beißt sich allerdings mit seiner Angabe, dass nach den geplanten Umbauten hoffentlich alle „Schichten“ teilnehmen könnten. Aber auch da hat sich der Herr ja abgesichert: So Gott will.

Maschhad vor Imam-Resa-Fußballstadion

Wenn’s nichts wird, war es Gottes Willen…

So einfach kann das Leben sein (wenn man ein Mann ist).

https://www.asriran.com/fa/news/832742/

جلوگیری از ورود زنان به ورزشگاه مشهد برای تماشای فوتبال ایران – لبنان (+عکس)

Iran – Russland – Ukraine: Der Feind meines Feindes ist mein Freud

Russische Armee greift Kiewer Fernsehturm an(01.03.2022)

Die Eröffnung eines Kriegs durch Putin in der Ukraine stößt bei den iranischen Machthabern in mehrfacher Hinsicht auf Sympathie.

Anfänglich bezeichnete Sa’id Khatibzade, der Sprecher des iranischen Außenministeriums, den russischen Angriff auf die Ukraine als „militärische Maßnahme“. Der iranische Außenminister Hossein Amir-Abdollahiyan schrieb in einem Tweet: „Die Ukraine-Krise hat ihre Wurzeln in den provokanten Maßnahmen der NATO.“

Die iranischen Regierungsmedien positionieren sich so:

Die Teheraner Ausgabe von Keyhan (Die Welt), die dem religiösen Führer Ajatollah Chamene’i nahesteht, schreibt am Sonntag (27.2.2022), dass die Ukraine und Afghanistan „trotz der Nähe und hundertprozentigen Abhängigkeit ihrer Regierungen von Amerika, unversehens aufgegeben und in der Krise allein gelassen wurden.“ Von Embargos und Waffenlieferungen des Westens an die Ukraine ist da nicht die Rede. Schon am Samstag (26.2.2022) hatte die Teheraner Keyhan getitelt: „Die Ukraine wird nicht einmal mehr 48 Stunden bestehen.“ Die Zeitung betonte: „Wieder einmal hat Amerika einen Verbündeten im Regen stehen lassen. Alle Anhänger des Westens (im Iran) mögen daraus eine Lehre ziehen.“ Hossein Shari’atmadari, der Vertreter des Religiösen Führers in der Keyhan nutzte die Gelegenheit zu einem bissigen Seitenhieb auf die iranischen Reformisten: „Kann man in diesem Spektrum von Anhängern des Westens (nicht bei allen) noch welche finden, die noch nicht erkannt haben, was für katastrophale Auswirkungen der Vorschlag hat, Amerika zu vertrauen? Wenn es solche gibt und sie nicht völlig schlaftrunken sind, dann sollte man sie zu den Reihen des Feindes addieren, die sowohl einen iranischen wie einen amerikanischen Ausweis besitzen.“

In einem anderen Artikel pries Keyhan den russischen Staatsführer Putin: „Durch die Schaffung von Stabilität in der Innenpolitik hat Russland in der Außenpolitik sich vor allem zum Ziel gesetzt, die Wirtschaft, die Energiequellen und die Außenpolitik selbst dazu zu nutzen, ihre Macht und ihren Reichtum zu mehren.“

Die Tageszeitung Watan (Vaterland) hat am 27.2. ein Foto des verstorbenen (ermordeten) Ajatollahs Ali Akbar Haschemi Rafsandschani veröffentlicht, mit der Unterschrift: „Kâsh budi wa mididi.“ (Wenn du doch da wärst und das noch gesehen hättest.) Sie spielt damit auf diese Äußerung von Rafsandschani an: „Die Welt von morgen ist eine Welt des Dialogs, nicht der Raketen.“ Watan schreibt weiter: „Selbst wenn die Operation zur Unterwerfung der Ukraine nicht zur Besetzung und Annexion dieses Landes an die Russische Föderation führt und Moskau sich nur damit begnügt, das politische System zu ändern, und ihre Truppen wieder abzieht, hat sie doch unabwendbare Folgen.

Es gibt auch Stimmen, die direkt den ukrainischen Präsidenten angreifen. Kiyanush Jahanpur, der ehemalige Generaldirektor für Public Relations des iranischen Gesundheitsministeriums, bezeichnete Wolodymyr Selenskyj als einen wenig religiösen (kam-din) Menschen und als einen Clown Israels. „Wenig religiös“ ist im Iran der Ajatollahs ein Vorwurf!

Abdollah Ganji, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung Jawan, die den Revolutionswächtern (Pasdaran) nahesteht, schreibt: „Wenn der wenig religiöse ukrainische Staatspräsident das politische Alphabet beherrschen würde, hätte er gemerkt, dass er, als er vergangenes Jahr am Sitz der NATO war und Putin dazu aufforderte, dazu zu kommen, den Krieg gegen Russland eröffnet hat, nur dass seine Schüsse mit Schalldämpfern erfolgten.“

In Bezug auf die Ukraine gibt es ja noch eine offene Rechnung. Denn die iranischen Pasdaran hatten im Januar 2020 ein ukrainisches Zivilflugzeug über Teheran abgeschossen, was erst geleugnet und dann als „menschliches Versagen“ tituliert wurde. So schreibt Mostafa Wothuqkiya, der Kulturdirektor der iranischen Nachrichtenagentur Mehr: „An wen sind jetzt die Entschädigungen für das ukrainische Flugzeug zu zahlen?“

Während die Machthaber sich also in der Ukraine-Frage auf die Seite Putins schlagen, sieht es bei den Reformisten etwas anders aus.

So befasst sich die Zeitung „E’temad“, die der Bewegung der Reformisten nahesteht, mit dem Widerstand in Kiew und vergleicht ihn mit dem Widerstand gegen die Nazis in Stalingrad.

Was die Opposition im Iran angeht, haben die iranischen Machthaber vorgesorgt und vor der russischen Botschaft in Teheran Sicherheitskräfte stationiert, um Demonstrationen zu unterbinden. Das führte dazu, dass sich die Gegner des russischen Angriffs vor der ukrainischen Botschaft in Teheran versammelten und Parolen der Art riefen: „Sefarate rusiye, laneye jasusiye“ (die russische Botschaft ist ein Spionagenetz).

https://news.gooya.com/2022/02/post-61838.php

Iran – Jemen – Abu Dhabi

Blick auf Abu Dhabi

Am Montag, den 17. Januar 2022, kam es in Abu Dhabi zur Explosion von drei Treibstofftankern und einer separaten Explosion auf dem Baugebiet des neuen Flughafens von Abu Dhabi. Dabei sollen drei Menschen ums Leben gekommen sein – zwei Inder und ein Pakistani, sechs Menschen seien verletzt worden. Laut Angaben der Polizei von Abu Dhabi sollen am Ort der Explosion Reste gefunden worden sein, die möglicherweise zu einer Drohne gehörten.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars, die den Revolutionswächtern (Pasdaran) nahesteht, soll erklärt haben, dass es sich hierbei um eine „erneute, handfeste Ermahnung“  der Huthis, einer bewaffneten Gruppe in Jemen, an die Adresse der Vereinigten Arabischen Emirate gehandelt habe. Die Vereinigten Arabischen Emirate führen gemeinsam mit Saudiarabien Krieg in Jemen, um die Regierung gegen die Huthi-Milizen zu unterstützen. Die Huthis kämpfen gegen die Regierung von Jemen und erhalten dabei militärische Unterstützung einschließlich Rüstungsgütern aus dem Iran.

Laut der Nachrichtenagentur Fars soll eine Datenbank mit Angriffszielen in den Vereinigten Arabischen Emiraten angelegt worden, die in Reichweite von Raketen und Drohnen liegen.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, Paramilitärs der Huthis hätten einen Angriff auf die Emirate bekannt gegeben. Sie kündigten die Veröffentlichung weiterer Einzelheiten an.

Am 13. Dey 1400 (3. Januar 2022) entführten Huthi-Milizen im Hafen von Hadide im Westen Jemens ein Schiff mit der Flagge der Vereinten Arabischen Emirate (VAE), das Ausrüstung für Krankenhäuser geladen hatte. Die Huthi-Milizen erklären, das Schiff habe Rüstungsgüter geladen.

Da der Krieg in Jemen zwischen Regierung und Huthi-Milizen zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Saudiarabien und Iran geworden ist, ist der Wahrheitsgehalt einzelner Behauptungen ohne Überprüfung vor Ort fraglich. Propaganda ist stets Teil der Kriegsführung.

https://www.radiofarda.com/a/31657897.html

27. Dey 1400 (17.01.2022)

وقوع چند انفجار در ابوظبی؛ خبرگزاری وابسته به سپاه: تذکر عملی جدید به امارات بود

Iran: Die Kupfermine Süngün

Zweitausend Arbeiter im Sungun-Kupferkomplex streiken

Die Kupfermine Süngün liegt im Qare-Dagh-Gebirge etwa 30 km vom Kreiszentrum Varzaqân und 130 km von Tabris entfernt.

Diese Gebirgskette stellt eine Fortsetzung des Kleinen Kaukasus dar, der sich durch Aserbaidschan und Armenien zieht. Das Kupfervorkommen in Süngün ist schon seit der Qadscharen-Zeit bekannt, die Erkundung der Vorkommens mit modernen Methoden erfolgte jedoch erst im 20. Jahrhundert. Von 1368-1371 (1989-1992) führten die iranische Firma Olangco und eine nicht genannte britische Firma Probebohrungen durch, um das Kupfervorkommen zu vermessen. Das Vorkommmen liegt auf einer Höhe von durchschnittlich 2000 m über dem Meer und wird im Tagebau abgebaut.

Umwelt

Durch das Gebiet des Kupfer-Komplexes Süngün fließen zwei Flüsse, deren Wasser letztlich den iranisch-aserbaidschanischen Grenzfluss Aras erreicht, es gibt Klärbecken und einen großen Stausee. Die Auswirkungen des Kupferabbaus auf die Umwelt in der Region liegen weder im Blickfeld des persischen Wikipedia-Autors noch der iranischen Nachrichtenagenturen. Da aktive und fachkundige Umweltschützer im Iran eher im Gefängnis als in den Medien zu finden sind, ist auch von dieser Seite nicht so leicht etwas zu erfahren.

Soziales

Immerhin lässt eine Bemerkung der persischen Wikipedi aufhorchen:

„Die Kupfermine Süngün ist nach der Inbetriebnahme zu einem Fokus der Veränderung der Machtverhältnisse im Landkreis Varzaqân geworden. Der Grund liegt im Zustrom von Arbeitslosen in dieses ärmliche Gebiet. Jeder Verantwortliche, der erschien, versuchte, seine Anhänger in dieser Mine unterzubringen. Das führte zu einer heftigen Polarisierung und zu einem kulturellen Bruch in der Region. Süngün hätte eigentlich zu einem Wachstumsfaktor in der notleidenden Region Varzaqân werden können. Stattdessen dient es der Schaffung müheloser und schneller Einkommen und führt zu zahllosen Ungerechtigkeiten im ganzen Landkreis.“

Da nimmt es nicht Wunder, dass auf der Webseite des Kupferkomplexes (nicico) zwar das Register mas’uliyate ejtema’i – soziale Verantwortung vorkommt, aber wenn man es anklickt, stößt man auf die Bemerkung: Seite im Aufbau befindlich…

Der Konflikt

Am 22. November 2021 (1. Adhar 1400) berichtet die Webseite Akhbar-rooz (Nachrichten des Tages), dass am 6. Oktober 2021 (14. Mehr 1400), nach drei Streiktagen der Arbeiter des Kupfer-Komplexes von Süngün, der Exekutiv-Direktor des Nationalen Kupferunternehmens (Sherkate Melliye Mes) Sa°d-Mohammadi sich mit den Arbeitervertretern zu Besprechungen zusammengesetzt hat und versprochen hat, die Forderungen der Arbeiter umzusetzen. Er gab bekannt, dass jetzt einjährige Arbeitsverträge abgeschlossen werden. Die Arbeiter hatten u.a. gefordert, dass die Tätigkeiten korrekt in die verschiedenen Kategorien gruppiert werden und dass nicht zwischen den direkt angestellten Arbeitern des Kupferunternehmens und Mitarbeitern von „Satelliten“firmen diskriminiert werden soll.

Auf den ersten Blick ein Erfolg der streikenden Arbeiter.

Anlass des Artikels vom 22. November ist allerdings die Meldung, dass am Sonntag, den 21. November 2021 (30. Aban 1400) ab 22 Uhr die Arbeiter der Subunternehmen (de facto Leiharbeitsfirmen) Ahan-Ajin, Mobin, Nou-Awaran, Zahl u.a. in den Streik getreten sind und die Produktion gänzlich lahmgelegt haben, um gegen die Entlassung von 60 Arbeitern zu protestieren. Bei den 60 entlassenen Arbeitern handelt es sich um Aktivisten der Arbeiterbewegung und Arbeitervertreter.

Mit anderen Worten: Die Geschäftsführung signalisiert an die Medien Gesprächsbereitschaft, macht dann aber die „Rädelsführer“ ausfindig und entlässt sie sechs Wochen später in Bausch und Bogen. Wenn die Arbeiter jetzt klein beigeben, hat die Firmenleitung gewonnen. Deshalb der Streik.

Die nächste Runde: Revolutionswächter als Streikbrecher

Die nächsten Meldungen stammen vom 13. Adhar 1400 (4. Dezember 2021). Akhbar-rooz berichtet, dass über 2000 Leiharbeiter, die im Kupfer-Komplex von Süngün (Kreis Varzaqân) arbeiten, auf dem Gelände der Kupfermine einen 4-stündigen Protestmarsch über 10 Kilometer abgehalten haben. Es ist vom 5. Streiktag die Rede, das heißt, die Arbeiter streiken seit 30. November. Anlass für den Protestmarsch war die Information, dass die Leitung des Kupfer-Komplexes in Absprache mit dem Pasdaran-Stützpunkt Khatamu l-Anbiya vorhatten, abgebautes Gestein mit Lastwägen zu den Steinbrechern zu befördern, um so den Streik zu unterlaufen….

Belagerung der Arbeiter Sungun-Mine

Fast-Unfall oder Wink mit dem Eisenträger?

Gegen Ende des vierstündigen Fußmarsches bei Eiseskälte (wir befinden uns auf 2000 Meter Höhe!) rast auf einmal ein 10-rädriger Schwerlastkran, der Eisenträger transportiert, auf die Arbeiter zu. Kein Hupen, keine Lichtsignale, keinerlei Warnung. Er kommt die Straße runter und fährt mitten in die demonstrierende Menge von über 2000 Menschen. Die Leute reagieren schnell und es kommt zu keinem Unfall.

Ab jetzt habt ihr mit dem Staat zu tun

Am Vortag, das heißt am 3. Dezember (12. Adhar), hatte die Geschäftsleitung und der Sicherheitsdienst des Kupfer-Unternehmens zusammen mit Vertretern des Staates und der Sicherheitsorgane eine Sitzung mit Vertretern der Arbeiter abgehalten. Die Direktoren der Firma drohten den Arbeitern, wenn sie den Streik nicht abbrechen, würden sie von nun an mit dem Staat zu tun haben. Die Arbeiter bliesen den Streik aber nicht ab, solange ihre Forderungen nicht erfüllt würden.

Die Version der Firmenleitung – Staatsversion

Von dem Fast-Unfall mit dem Schwerlastkran kursierten im Internet bald Aufnahmen, die die Firmenleitung in Zugzwang brachten. Die staatliche Nachrichtenagentur veröffentlichte am 4. Dezember eine Stellungnahme der Firma (ohne dazu die Stellungnahme der Arbeiter wiederzugeben). Die Firma nimmt ausdrücklich auf die im Internet kursierenden Fotos Bezug. In der Stellungnahme ist vom Protestmarsch der Leiharbeiter die Rede, deren Forderungen nur durch einen nichtssagenden Begriff zusammengefasst werden, und dann heißt es: „Ein Schwerlastkran, der Lasten transportierte, ist aufgrund eines Bremsvorgangs und einer Kurve auf einer abschüssigen Straße außer Kontrolle geraten (…). Es kam zu keinen Verletzten.“ Es wird dann aus der Sicht des Kranfahrers geschrieben: „Wegen der fehlenden Sicht in der Kurve sieht er (plötzlich) eine Menschenmenge, die mitten auf der Straße demonstriert. Er zieht schnell die Bremse und legt einen niedrigeren Gang ein, aber wegen des abschüssigen Geländes und der schweren Last des Krans, behält er das Fahrzeug nur mit Mühe unter Kontrolle. Wie durch ein Wunder (…) fährt er mitten durch die Menschenmenge, ohne dass ein Toter zu beklagen wäre. Der unter Schock stehende Fahrer wird mit Hilfe des anwesenden Personals zu Fuß aus dem Kran geleitet und zur Gesundheitsstation des Kupfer-Komplexes gebracht.“ Die Perspektive der Arbeiter wird ausgeblendet. Dafür geht es weiter im Text: „Razavi, der Direktor des Komplexes, ist unermüdlich und Tag und Nacht bemüht, die Schwierigkeiten des ihm so lieben Personals zu beseitigen und auf seine Forderungen einzugehen.“

Es ist denkbar, dass der Fahrer des Krans von außen geholt wurde und vom ganzen Geschehen keine Ahnung hatte. Aber die Firmenleitung, die Geheimdienstorgane und die Pasdaran wussten definitiv, was los war.

Der Knüppel aus dem Sack

Am 5. Dezember wird dann deutlich, was die Firma wirklich plant. In den frühen Morgenstunden des 14. Adhar (5. Dezember) tauchen Polizeikräfte und eine Spezialgarde in größerer Zahl auf dem Gelände der Kupfermine auf und versperren den Arbeitern von außen den Zutritt aufs Gelände. Da etwa die Hälfte der streikenden Arbeiter zu Hause schläft, die andere Hälfte dagegen auf dem Gelände der Firma untergebracht ist, sind somit die Hälfte der Streikenden ausgeschlossen. Die Angehörigen der Arbeiter in Urumiye, Tabris, Ahar und Varzaqân haben angekündigt, dass sie sich auf den Weg zur Kupfermine machen werden, wenn den Streikenden etwas zustoßen sollte.

Wir könnten jetzt fragen, wohin das Kupfer aus Süngün exportiert wird. Wir könnten darauf hoffen, dass sich die Machtverhältnisse im Iran ändern und die jetzigen Machthaber entmachtet werden. Die Frage bleibt: Warum drehen wir uns im Kreis? Solche Ereignisse könnten sich auch unter dem Schah zugetragen haben, oder in Peru (Leseempfehlung: Redoble por Rancas / Trommelwirbel für Rancas, von Manuel Scorza) oder früher in der Volksrepublik Polen oder in einem kapitalistischen Staat. Was bewirken Revolutionen und neue Staatsformen, so lange die Menschen stehen bleiben?

https://fa.wikipedia.org/wiki/معدن_مس_سونگون

https://en.wikipedia.org/wiki/Sungun_copper_mine

https://az.wikipedia.org/wiki/Süngün_mis_mədəni

https://azarbaijan.nicico.com/

https://www.isna.ir/news/1400091310125/ماجرای-حرکت-جرثقیل-به-میان-کارگران-تجمع-کننده-در-مجتمع-مس-سونگون

vom 13. Adhar 1400 (4. Dezember 2021)

vom 1. Adhar 1400 (22. November 2021)

اعتصاب دو هزار کارگر مجتمع مس سونگون ورزقان؛ تجمع کارگران معدن طلای آق‌دره

vom 13. Adhar 1400 (4. Dezember 2021)

حمله با بولدیزر به راهپیمایی کارگران معدن سونگون در پنجمین روز اعتصاب

vom So, 14. Adhar 1400, (5. Dezember 2021)

محاصره کارگران معدن سونگون توسط گارد ویژه؛ در ششمین روز اعتصاب

Iran: und wieder geht es ums Wasser

Proteste in Schahrkurd

Proteste in Schahrkurd
In Schahrkurd gingen am Sonntag und Montag Demonstranten gegen die Politik der Wasserverknappung in der Region auf die Straße.
Schahrkurd ist die Hauptstadt der Provinz Chaharmahal wa Bakhtiyari. Die Protestierenden wehren sich dagegen, dass das Wasser aus Chaharmahal in andere Gegenden abgeleitet wird und riefen Parolen wie „marg bar ma:fiya:“ (Tod der Mafia) oder
„wây agar il-e mân berno be dast begirad“ (Wehe, wenn unser Volk zu den Gewehren greift).

berno be dast – das Gewehr zur Hand
Die letzte Parole hat es in sich. berno ist die persische Aussprache von Brno, einer tschechischen Industriestadt, deutsch Brünn genannt. Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn zum Ende des Ersten Weltkriegs entstand auf dem Areal der „K. u. k. Waffenhauptfabrik – Filiale in Brünn“ die Zbrojovka Brno (Waffenwerke Brno), die unter anderem für ihre Gewehre berühmt wurde. So berühmt, dass sie selbst heute noch im Iran bekannt ist, obwohl die Firma selbst 2006 in Konkurs ging. Ein Rüstungsexportschlager, würde man heute sagen.

il-e mân – (unser Volk) – die Bachtiaren
Das Wort il wird bei Bozorg/Alavi mit Volk, Nomadenstamm, Untertanen, Lehnsvolk übersetzt. Die, die damit gemeint sind, sind die Bachtiaren. Die deutsche Wikipedia verwendet für sie die Bezeichnung „Volk bzw. Stamm“ und schreibt weiter: „Sie sind in zwei Hauptgruppen, Haft Lang (55 Unterstämme) und Tschar Lang (24 Unterstämme), unterteilt.“ Da ist sie wieder, die Bezeichnung Stamm, Unterstamm, und unter der Überschrift Bekannte Bachtiaren auch der Begriff „Stammesführer“. Das hat so einen kolonialistischen Beigeschmack. Die Deutschen sind ein Volk („Wir sind das Volk“), sie haben einen Kaiser, einen Führer oder einen Kanzler, und die in den exotischen Ländern (nicht: Staaten) sind Stämme und haben einen Stammesführer oder einen Häuptling.

wây agar – wehe wenn!
Die Drohung, dass die Bachtiaren zu den Waffen greifen könnten, knüpft an die Anfänge des 20. Jahrhunderts an. Damals entschieden die Bachtiaren mit ihren Waffen den Sieg der konstitutionellen Revolution im Iran. Die Qajjaren-Dynastie musste abdanken. 1909 und zur Jahreswende 1912/13 wurde ein führender Bachtiare namens Najaf-Qoli Khan Bakhtiari (kh lies ch), auch Saad ad-Daula genannt, zweimal kurz zum Ministerpräsidenten gewählt. Resa Schah Pahlawi ließ nach seiner Machtübernahme (1925-1941) zahlreiche bekannte Bachtiaren hinrichten, darunter auch den Vater von Shapour Bakhtiar, wohl, weil er ihre organisierte Macht als Bedrohung für seine eigenen Ansprüche empfand. Shapour Bakhtiar wurde 1914 in Schahrkurd geboren. Er studierte an der Universität Beirut und später Politikwissenschaften an der Universität von Paris. Die englische Wiki behauptet, er habe 1934 in Paris studiert, als sein Vater vom Schah hingerichtet wurde, die französische Wiki schreibt, er sei 1936 nach Frankreich aufgebrochen, um dort zu studieren…
Die englische Version klingt hinstilisiert. Shapour Bakhtiar war als Freiwilliger bei den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite gegen Franco, dann meldete er sich bei der französischen Armee und kämpfte in Orléans gegen die Nazis. Nach der französischen Niederlage 1940 kämpfte Shapour Bakhtiar bei der französischen Résistance gegen die Nazis weiter. Nach dem Krieg, als er in den Iran zurückkehrte, wurde er vom Schah mehrfach inhaftiert und auch gefoltert, insgesamt für sechs Jahre. Als überzeugter Demokrat versuchte er aber zum Ende der Schahzeit als dessen letzter Premierminister noch, die Revolution durch Reformen zu verhindern. Es glückte ihm nicht. Er ging ins Exil nach Frankreich, wo das iranische Regime 1980 und 1991 ein Mordanschlag auf ihn verübte. 1980 wurde ein Polizist und eine Nachbarin ermordet, 1991 wurde er selbst und sein Sekretär ermordet.

Zurück zum Wasser
Die Protestierenden versammelten sich am Sonntag und Montag vor der Provinzverwaltung. Ihr Protest gilt namentlich dem Projekt „Behesht-Abad“. In diesem Projekt soll Wasser aus Chaharmahal in die Provinzen Isfahan, Yazd und Kerman abgeleitet werden. Antreiber dieses Projekts stammen vornehmlich aus der Provinz Isfahan, wo große Fabriken einen hohen Wasserverbrauch haben, der schon in der Region Isfahan zu Protesten geführt hat. Die Fabriken wie die Bauunternehmer solcher Projekte gehören in der Regel in den Dunstkreis der religiösen Stiftungen, die zum Teil direkt dem Religiösen Führer Ajatollah Chamene’i unterstehen. Das ist damit gemeint, wenn von Mafia die Rede ist. Wir hatten am 2.8.2021 ausführlich über diesen staatlich organsierten Wassermangel und die Nutznießer desselben geschrieben (Iran: Wie im Himmel, so auf Erden). Laut den Plänen dieses Projekts sollen jährlich 1,1 Milliarden Kubikmeter Wasser aus der Region Chaharmahal abgezogen und in die genannten Provinzen gepumpt werden. Zum Vergleich: Der Bodensee umfasst 48 Milliarden Kubikmeter Wasser, über den Alpenrhein fließen jährlich 7,8 Milliarden Kubikmeter Wasser in den See. Die Menge Wasser, die mit dem Projekt Behesht-Abad abgeführt werden soll, wäre gleichbedeutend, dass der Alpenrhein an 51 von 365 Tagen im Jahr furztrocken wäre, weil das Wasser woanders hin kommt. Hinzu kommt, dass die Provinz Chaharmahal wa Bakhtiari, die früher 11% der Wasserreserven des Irans auf sich vereinigte, inzwischen ebenfalls unter der Trockenheit leidet, so dass derzeit über 200 Ortschaften durch Zisternenwägen mit Wasser versorgt werden.

Das Paradies kultivieren
Was die Namensgebung angeht, stehen die iranischen Geistlichen/Politiker hiesigen Politikern in Sachen Kreativität um nichts nach. Erinnert sich noch jemand, dass die Degradierung des Hauptbahnhofs Stuttgart zur unterirdischen Schieframpe gar als Verbindungsglied zwischen Paris und Bratislava bezeichnet wurde? Das Hauptstädtle steigt geradezu in die Liga der Städte von Welt auf…
Nun, mit Behesht-Abad ist es nicht anders: Es heißt schlicht: Kultivierung des Paradieses. So kann man Wasserraub auch nennen.

Gründe für den Wassermangel
Qodratollah Hamze, der Vertreter der vier Landkreise Ardal, Kuhrang, Farsan und Kiyar (alles Provinz Chaharmahal wa Bakhtiari) im iranischen Parlament, hütete sich zwar, die Urheber für die Wassermisere im Iran beim Namen zu nennen, wies aber auf den Mangel an Trinkwasser in der Region Chaharmahal wa Bakhtiari hin und erklärte, die Bevölkerung werde nicht tatenlos zuschauen, wenn auch nur der erste Meter Tunnel für die Fernwasserleitung gebaut werde.

Die staatlichen Vertreter machen stets den Mangel an Niederschlägen für die Wasserprobleme verantwortlich. Gleichzeitig haben sie aber schon Dutzende von Spezialisten aus dem Umweltbereich bedroht oder inhaftiert, die darauf hinweisen, dass es widersinnig ist, in Wüstengebieten Reis anzubauen, der besonders viel Wasser benötigt, dass das Bohren von illegalen Grundwasserbrunnen gestoppt werden muss und dass die maroden Wasserleitungen des Landes renoviert werden müssen. Aber das wäre ja Arbeit…

So wechseln die Orte des Protests über die Wasserknappheit, mal Isfahan, mal Chusistan, jetzt Chaharmahal wa Bakhtiari. Was bleibt, ist der Wille zur Macht derjenigen, die im Iran das Sagen haben.

https://alischirasi.wordpress.com/2021/08/02/iran-wie-im-himmel-so-auf-erden/
https://de.wikipedia.org/wiki/Zbrojovka_Brno
(die tschechische Seite hierzu ist weniger informativ als die deutsche)
https://en.wikipedia.org/wiki/Bakhtiari_people
https://en.wikipedia.org/wiki/Najaf-Qoli_Khan_Bakhtiari
https://en.wikipedia.org/wiki/Shapour_Bakhtiar
https://fr.wikipedia.org/wiki/Chapour_Bakhtiar
https://de.wikipedia.org/wiki/Bachtiaren
https://www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag08_08_11.pdf
https://www.radiofarda.com/a/bakhtiyari-protests-water-shortage/31573555.html
vom 1. Adhar 1400 (22.11.2021)
اعتراضات مردم چهارمحال و بختیاری به «بی‌آبی» وارد دومین روز خود شد