Iran: und wieder geht es ums Wasser

Proteste in Schahrkurd

Proteste in Schahrkurd
In Schahrkurd gingen am Sonntag und Montag Demonstranten gegen die Politik der Wasserverknappung in der Region auf die Straße.
Schahrkurd ist die Hauptstadt der Provinz Chaharmahal wa Bakhtiyari. Die Protestierenden wehren sich dagegen, dass das Wasser aus Chaharmahal in andere Gegenden abgeleitet wird und riefen Parolen wie „marg bar ma:fiya:“ (Tod der Mafia) oder
„wây agar il-e mân berno be dast begirad“ (Wehe, wenn unser Volk zu den Gewehren greift).

berno be dast – das Gewehr zur Hand
Die letzte Parole hat es in sich. berno ist die persische Aussprache von Brno, einer tschechischen Industriestadt, deutsch Brünn genannt. Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn zum Ende des Ersten Weltkriegs entstand auf dem Areal der „K. u. k. Waffenhauptfabrik – Filiale in Brünn“ die Zbrojovka Brno (Waffenwerke Brno), die unter anderem für ihre Gewehre berühmt wurde. So berühmt, dass sie selbst heute noch im Iran bekannt ist, obwohl die Firma selbst 2006 in Konkurs ging. Ein Rüstungsexportschlager, würde man heute sagen.

il-e mân – (unser Volk) – die Bachtiaren
Das Wort il wird bei Bozorg/Alavi mit Volk, Nomadenstamm, Untertanen, Lehnsvolk übersetzt. Die, die damit gemeint sind, sind die Bachtiaren. Die deutsche Wikipedia verwendet für sie die Bezeichnung „Volk bzw. Stamm“ und schreibt weiter: „Sie sind in zwei Hauptgruppen, Haft Lang (55 Unterstämme) und Tschar Lang (24 Unterstämme), unterteilt.“ Da ist sie wieder, die Bezeichnung Stamm, Unterstamm, und unter der Überschrift Bekannte Bachtiaren auch der Begriff „Stammesführer“. Das hat so einen kolonialistischen Beigeschmack. Die Deutschen sind ein Volk („Wir sind das Volk“), sie haben einen Kaiser, einen Führer oder einen Kanzler, und die in den exotischen Ländern (nicht: Staaten) sind Stämme und haben einen Stammesführer oder einen Häuptling.

wây agar – wehe wenn!
Die Drohung, dass die Bachtiaren zu den Waffen greifen könnten, knüpft an die Anfänge des 20. Jahrhunderts an. Damals entschieden die Bachtiaren mit ihren Waffen den Sieg der konstitutionellen Revolution im Iran. Die Qajjaren-Dynastie musste abdanken. 1909 und zur Jahreswende 1912/13 wurde ein führender Bachtiare namens Najaf-Qoli Khan Bakhtiari (kh lies ch), auch Saad ad-Daula genannt, zweimal kurz zum Ministerpräsidenten gewählt. Resa Schah Pahlawi ließ nach seiner Machtübernahme (1925-1941) zahlreiche bekannte Bachtiaren hinrichten, darunter auch den Vater von Shapour Bakhtiar, wohl, weil er ihre organisierte Macht als Bedrohung für seine eigenen Ansprüche empfand. Shapour Bakhtiar wurde 1914 in Schahrkurd geboren. Er studierte an der Universität Beirut und später Politikwissenschaften an der Universität von Paris. Die englische Wiki behauptet, er habe 1934 in Paris studiert, als sein Vater vom Schah hingerichtet wurde, die französische Wiki schreibt, er sei 1936 nach Frankreich aufgebrochen, um dort zu studieren…
Die englische Version klingt hinstilisiert. Shapour Bakhtiar war als Freiwilliger bei den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite gegen Franco, dann meldete er sich bei der französischen Armee und kämpfte in Orléans gegen die Nazis. Nach der französischen Niederlage 1940 kämpfte Shapour Bakhtiar bei der französischen Résistance gegen die Nazis weiter. Nach dem Krieg, als er in den Iran zurückkehrte, wurde er vom Schah mehrfach inhaftiert und auch gefoltert, insgesamt für sechs Jahre. Als überzeugter Demokrat versuchte er aber zum Ende der Schahzeit als dessen letzter Premierminister noch, die Revolution durch Reformen zu verhindern. Es glückte ihm nicht. Er ging ins Exil nach Frankreich, wo das iranische Regime 1980 und 1991 ein Mordanschlag auf ihn verübte. 1980 wurde ein Polizist und eine Nachbarin ermordet, 1991 wurde er selbst und sein Sekretär ermordet.

Zurück zum Wasser
Die Protestierenden versammelten sich am Sonntag und Montag vor der Provinzverwaltung. Ihr Protest gilt namentlich dem Projekt „Behesht-Abad“. In diesem Projekt soll Wasser aus Chaharmahal in die Provinzen Isfahan, Yazd und Kerman abgeleitet werden. Antreiber dieses Projekts stammen vornehmlich aus der Provinz Isfahan, wo große Fabriken einen hohen Wasserverbrauch haben, der schon in der Region Isfahan zu Protesten geführt hat. Die Fabriken wie die Bauunternehmer solcher Projekte gehören in der Regel in den Dunstkreis der religiösen Stiftungen, die zum Teil direkt dem Religiösen Führer Ajatollah Chamene’i unterstehen. Das ist damit gemeint, wenn von Mafia die Rede ist. Wir hatten am 2.8.2021 ausführlich über diesen staatlich organsierten Wassermangel und die Nutznießer desselben geschrieben (Iran: Wie im Himmel, so auf Erden). Laut den Plänen dieses Projekts sollen jährlich 1,1 Milliarden Kubikmeter Wasser aus der Region Chaharmahal abgezogen und in die genannten Provinzen gepumpt werden. Zum Vergleich: Der Bodensee umfasst 48 Milliarden Kubikmeter Wasser, über den Alpenrhein fließen jährlich 7,8 Milliarden Kubikmeter Wasser in den See. Die Menge Wasser, die mit dem Projekt Behesht-Abad abgeführt werden soll, wäre gleichbedeutend, dass der Alpenrhein an 51 von 365 Tagen im Jahr furztrocken wäre, weil das Wasser woanders hin kommt. Hinzu kommt, dass die Provinz Chaharmahal wa Bakhtiari, die früher 11% der Wasserreserven des Irans auf sich vereinigte, inzwischen ebenfalls unter der Trockenheit leidet, so dass derzeit über 200 Ortschaften durch Zisternenwägen mit Wasser versorgt werden.

Das Paradies kultivieren
Was die Namensgebung angeht, stehen die iranischen Geistlichen/Politiker hiesigen Politikern in Sachen Kreativität um nichts nach. Erinnert sich noch jemand, dass die Degradierung des Hauptbahnhofs Stuttgart zur unterirdischen Schieframpe gar als Verbindungsglied zwischen Paris und Bratislava bezeichnet wurde? Das Hauptstädtle steigt geradezu in die Liga der Städte von Welt auf…
Nun, mit Behesht-Abad ist es nicht anders: Es heißt schlicht: Kultivierung des Paradieses. So kann man Wasserraub auch nennen.

Gründe für den Wassermangel
Qodratollah Hamze, der Vertreter der vier Landkreise Ardal, Kuhrang, Farsan und Kiyar (alles Provinz Chaharmahal wa Bakhtiari) im iranischen Parlament, hütete sich zwar, die Urheber für die Wassermisere im Iran beim Namen zu nennen, wies aber auf den Mangel an Trinkwasser in der Region Chaharmahal wa Bakhtiari hin und erklärte, die Bevölkerung werde nicht tatenlos zuschauen, wenn auch nur der erste Meter Tunnel für die Fernwasserleitung gebaut werde.

Die staatlichen Vertreter machen stets den Mangel an Niederschlägen für die Wasserprobleme verantwortlich. Gleichzeitig haben sie aber schon Dutzende von Spezialisten aus dem Umweltbereich bedroht oder inhaftiert, die darauf hinweisen, dass es widersinnig ist, in Wüstengebieten Reis anzubauen, der besonders viel Wasser benötigt, dass das Bohren von illegalen Grundwasserbrunnen gestoppt werden muss und dass die maroden Wasserleitungen des Landes renoviert werden müssen. Aber das wäre ja Arbeit…

So wechseln die Orte des Protests über die Wasserknappheit, mal Isfahan, mal Chusistan, jetzt Chaharmahal wa Bakhtiari. Was bleibt, ist der Wille zur Macht derjenigen, die im Iran das Sagen haben.

https://alischirasi.wordpress.com/2021/08/02/iran-wie-im-himmel-so-auf-erden/
https://de.wikipedia.org/wiki/Zbrojovka_Brno
(die tschechische Seite hierzu ist weniger informativ als die deutsche)
https://en.wikipedia.org/wiki/Bakhtiari_people
https://en.wikipedia.org/wiki/Najaf-Qoli_Khan_Bakhtiari
https://en.wikipedia.org/wiki/Shapour_Bakhtiar
https://fr.wikipedia.org/wiki/Chapour_Bakhtiar
https://de.wikipedia.org/wiki/Bachtiaren
https://www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag08_08_11.pdf
https://www.radiofarda.com/a/bakhtiyari-protests-water-shortage/31573555.html
vom 1. Adhar 1400 (22.11.2021)
اعتراضات مردم چهارمحال و بختیاری به «بی‌آبی» وارد دومین روز خود شد

Iran: Erfolgloser Hungerstreik einer politischen Gefangen


Soheila Hejab, eine politisch aktive Iranerin, wurde im vorletzten Jahr verhaftet und Anfang letzten Jahres bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt. Ihr Fall wurde vor der 28. Kammer des Revolutionstribunals Teheran unter dem Vorsitz von Richter Mohammad Maqisse verhandelt. Ihr wurden „Straftaten“ von der Art: „Propaganda gegen das Regime“, „kriminelle Ansammlung“, „Aufstachelung der öffentlichen Meinung zur Anstiftung von Unruhe“, „Bildung einer illegalen Gruppe“ zur Last gelegt und sie wurde zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen sie auf alle Fälle 5 Jahre absitzen muss. Ihr Gesundheitszustand hat sich so sehr verschlechtert, dass sie eine Behandlung im Krankenhaus benötigt, was ihr aber bislang verweigert wurde. Sie ist darauf in Hungerstreik getreten. Nach der Zusicherung, dass man ihren „Forderungen nachgehen“ werde, hat sie den Hungerstreik zwischenzeitlich abgebrochen.
Solche windigen Zusicherungen angesichts eines so bombenharten Urteils dienen wahrscheinlich nur dazu, die öffentliche Meinung irrezuführen. Der Name des Richters Mohammad Maqisse spricht Bände. Wenn ein Fall dort landet – und das dürfte kein Zufall gewesen sein, dann müssen im Hintergrund Leute aktiv geworden sein, die ein Interesse daran haben, Soheila Hejab mundtot zu machen.

https://www.radiofarda.com/a/soheila-hejab-hunger-strike/31491785.html

vom 12. Mehr 1400 (4. Oktober 2021)

Iran – Großbritannien: Kampagne gegen staatliche Geiselnahme

Kampagne zur Freilassung von Nazanin Zaghari-Ratcliffe


In Großbritannien hat sich eine Initiative mit dem Namen „Free Nazanin campaign and Redress“ (Kampagne zur Freilassung von Nazanin und zur Wiedergutmachung) mit dem Ziel der Freilassung von Nazanin Zaghari-Ratcliffe gebildet. Die Kampagne bezeichnet die Festnahme von Nazanin und anderen Menschen doppelter Staatsbürgerschaft, die im Iran verhaftet wurden, als staatliche Geiselnahme. Sie fordert, dass gegen zehn Iraner, die in die willkürzliche Verhaftung und Verurteilung dieser Menschen involviert sind, Sanktionen verhängt werden. Die neue britische Außenministerin Liz Truss will am heutigen Montag bei einem Treffen mit dem iranischen Außenminister Hossein Amir-Abdollahian in New York die Freilassung aller britischen Staatsbürger fordern, die im Iran in Haft gehalten werden. Nazanin Zaghari-Ratcliffe war im April 2016 verhaftet worden. Obwohl sie ihre ursprüngliche Haftstrafe von fünf Jahren Gefängnis verbüßt hat, wird ihr die Erlaubnis verweigert, Teheran zu verlassen. Der Ehemann von Nazanin meint, es sei die iranische Form der Diplomatie, Menschen als Geiseln zu benutzen. Für den Iran beinhalte dies keine Kosten.

https://www.theguardian.com/news/2021/sep/19/nazanin-zaghari-ratcliffe-campaign-urges-sanctions-against-10-iranians

https://www.radiofarda.com/a/nazanin-zaghari-ratcliffe-campaign-urges-sanctions-against-10-iranians/31467679.html
vom 28. Shahriwar 1400 (19.09.2021)
کارزار آزادی نازنین زاغری خواستار تحریم ۱۰ نفر از مسئولان «گروگان‌گیری» او شد

Online Kampagne gegen Bekleidungsvorschriften der Taliban

Die Arbeiterkommunistische Partei des Iran leitet bei Twitter ein AlJazeera – Video weiter, das wir hier zeigen.

Es handelt von der weltweiten Online-Kampagne von afghanischen Frauen, die gegen die Bekleidungsvorschriften der Taliban für afghanische Studentinnen protestieren. Unter dem Hashtag #DoNotTouchMyClothes (Fass meine Kleider nicht an!) finden sich zahlreiche Fotos von afghanischen Frauen in prächtigen traditionellen Kleidern, die samt den dazugehörigen Kommentaren der Frauen wiedergegeben werden. Sie stehen im scharfen Kontrast zu den Ganzkörperverschleierungen und Gesichtsschleiern, die nun von den Taliban für afghanische Studentinnen vorgeschrieben sind.

Iran: Hacker-Angriff im Ewin-Gefängnis?


Ab dem 31. Mordad 1400 (22.08.2021) hat eine Gruppe namens „Edalate Ali“ (Alis Gerechtigkeit) mehrere Videos veröffentlicht, die laut Angaben der Gruppe aufgenommen werden konnten, weil es ihnen gelungen sei, sich durch hacken in die Überwachungskameras des Ewin-Gefängnis einzuloggen.

Aus dem Kontrollzentrum des Ewin-Gefängnisses


Die amtlichen Reaktionen sind verschieden, aber typisch.

Alles Montage
Mohammad Mosaddeq, der erste Stellvertreter des Oberhaupts der Justiz behauptete: „Viele der verbreiteten Videos sind Montage und haben gar nichts mit dem Gefängnis zu tun.“ Gegenüber der Nachrichtenagentur der Studenen des Iran (ISNA) erklärte er, die Bilder stammten von anderen Orten und beträfen nicht die Justiz.

Gefängnisdirektor des Ewin-Gefängnisses schlägt einen Gefangenen

Selbstmord und Selbstschlagen der Gefangenen
Eine andere Variante ist die Reaktion der staatlichen Nachrichtenagentur Seda va Sima (Ton und Bild). Sie erklärte, dass die in den Videos gezeigten Szenen „den Umgang der Beamten miteinander und das Verhalten einiger Gefangener zeigten, die sich selbst schlagen und sich selbst umbringen“. Das jetzige Oberhaupt der Justiz im Iran, Gholamhossein Mohseni Ezhe’i, habe zudem Anweisung erteilt, sich unverzüglich mit denjenigen zu befassen, die die Gesetze übertreten. Es sei eine Spezialkommission im Ewin-Gefängnis gebildet worden, die sich mit der Angelegenheit befasse. Mit anderen Worten: Seda va Sima behauptet, dass sich die Gefangenen die Verletzungen selbst zufügen und sich selbst umbringen, Schläge werden kurzerhand als Auseinandersetzung zwischen den Beamten definiert, und natürlich reagieren die zuständigen Behördenchefs und bilden eine Kommission, die alles untersucht…

Gefangene müssen wegen chronischer Überfüllung auf dem Fußboden schlafen

Alles aus der Zeit der Vorgängerregierung
Die dritte Variante wird von Hassan Schoja’i vertreten, dem Vorsitzenden des Parlamentausschusses Asle 90 (Grundgesetz Artikel 90). Er erklärte, die Filme seien in den letzten Jahren von den Überwachungskameras im Ewin-Gefängnis aufgenommen worden und seien leider aus dem Archiv der Behörde an die Öffentlichkeit gelangt. Die Aufnahmen beträfen die Jahre 1395-1399 (2016-2020).“ Das ist ein feiner Schachzug, denn damit wird die ganze Verantwortung auf die Vorgängerregierung unter dem inzwischen nicht mehr amtierenden Präsidenten Hassan Rouhani abgeschoben und das ganze Material wird als „veraltet“ präsentiert.

Gefangener wird durch die Räume geschleift

Der Glaube an die Macht
Wir sehen also: Die Echtheit der Bilder wird bestritten (Montage, nicht aus dem Gefängnis), die gezeigten Vorfälle werden umdefiniert (Selbstverletzung, Auseinandersetzung zwischen Beamten), die Szenen werden als veraltet dargestellt. Alles Vorgehensweisen, die man in allen Systemen der Welt beobachten kann. Ziel ist es, die Informationsquelle zu diskreditieren, die „eigene Seite“ aber als verantwortlich handelnd zu präsentieren und so allen, die von Klein auf darauf trainiert werden, Autoritäten zu glauben, ein glaubhaftes Bild zu präsentieren, dass die Zuhörer wie die Machthaber von der Pflicht entbindet, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Der Glaube an die Autorität der Machthaber ist die Grundlage der Macht – weltweit.
Es ist ein schöner Versuch, dass die Hacker diesen Glauben untergraben wollen.

Link zu zwei Filmen

Hier ist ein Link zu zwei Sendungen des ausländischen Senders Iran International, die den gehackten Überwachungskameras des Ewin-Gefängnisses und den Gefängnisdirektoren und ihren Helfern gewidmet sind. Ein Film zeigt zwar nur Blutflecken und zerbrochene Glasscherben, es geht darin aber um Aufnahmen in Zusammenhang damit, dass die Menschrechtsanwältin Narges Mohammadi vom Gefängnisdirektor des Ewin-Gefängnisses vorgeladen wurde und danach den Raum blutend verlassen hat. Eine andere Szene zeigt, wie der Gefängnisdirektor persönlich einen Gefangenen schlägt, eine dritte Szene zeigt, wie ein abgemagerter Gefangener durch die Räume des Gefängnisses geschleift wird und wie abgestumpft die anderen Beamten auf diesen Vorgang reagieren.

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiAkJKM5OryAhVO-qQKHfXKBu8QwqsBegQIAhAB&url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DPt-ZfA7kE_4&usg=AOvVaw37K1iy4m8Uvq4DCpMEDiBa

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiAkJKM5OryAhVO-qQKHfXKBu8QwqsBegQIBBAB&url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DFUymw6dmRcI&usg=AOvVaw1-zA5OZWr7XOcSi7hOTKkf

https://www.dw.com/fa-ir/تصاویر-هک-شده-اوین-شش-نفر-تحت-تعقیب-و-دو-بازداشتی/a-59035528

https://www.radiofarda.com/a/iran-parliamantary-delegation-evin-prison-report/31433955.html

https://www.radiofarda.com/a/iran-evin-prison/31428098.html

https://www.bbc.com/persian/iran-58375171

Iran: Wie im Himmel, so auf Erden…

Die Provinz Chusestan im Südwesten des Irans

In der südwestlichen iranischen Region Chusestan herrscht Wassermangel. Nicht nur Mangel an Wasser für Landwirtschaft und für das Vieh, sondern auch in Tausenden von Orten an Trinkwasser.

Hochwasser in Chusestan, 2019, Karche-Fluss

Klimawandel?

Sieht man die Trockenheit vor dem Hintergrund der starken Regenfälle und des verheerenden Hochwassers vom März/April 2019, kommt der Verdacht auf, dass es sich auch im Iran um die Folgen des Klimawandels handelt, mit einem Trend zu Extremereignissen. Im Moment ist dieser Verdacht pure Spekulation. Ohne Fachwissen können wir nicht beurteilen, wo der Jet Stream damals und heute stand und wie er das Wetter im Iran beeinflusste. Auch die Frage, ob die iranische Bevölkerung das ausbaden muss, was wir – die Industrienationen in Europa, Nordamerika, Japan und China – durch unsere Kohlendioxid- und Methangasemissionen der Weltbevölkerung einbrocken, können wir nicht beantworten. Denn „der Iran“ ist nicht nur Opfer, er gehört auch selbst zu den großen Produzenten von Erdöl und Erdgas und treibt den Abbau von fossiler Kohle im eigenen Land voran. Selbst wenn wir die genauen Mengen der Ausbeutung fossiler Energieträger im Iran wüssten, wäre das noch nicht die vollständige Antwort, da Erdöl und Erdgas auch in den Export gehen und somit ein Teil nicht im Iran verbrannt wird.

Eigenverantwortung

Trotz dieser Signale, die die Frage nach einem Klimawandel aufwerfen, verläuft die Diskussion im Iran entlang anderer Linien. Hier geht es viel mehr darum, wie sehr staatliches Handeln für die Schäden von Hochwasser und Dürre verantwortlich ist. So wurde darauf hingewiesen, dass Projekte für die Entwicklung neuer Stadtteile teilweise in trockenen Flussbetten durchgeführt wurden, ohne an die Entwässerung solcher Gebiete zu denken, wenn Regen fällt.

Staudamm statt Jet Stream?

Staudämme ermöglichen die Nutzung der Wasserkraft für Stromgewinnung. Aber wenn die Kraftwerkbetreiber bei Hochwasser ihre Schleusen öffnen, um eine Beschädigung der Dämme zu vermeiden, erhöhen sie noch die Hochwasserschäden. Und wenn sie bei Wasserknappheit den Abfluss reduzieren und die Hitze die Verdunstung auf den Stauseen erhöht, dann sind die Staudämme selbst ein Faktor, der die Folgen von Wetterschwankungen verschärft.

Der Journalist Dariush Me‘mar ist jetzt in einem Artikel in der persischen Ausgabe von The Independent der Frage nachgegangen, welche Menschen und Machtstrukturen im Iran hinter der Wasserknappheit stehen. Dieser Artikel wurde am 26. Juli 2021 auf der Webseite von Peykeiran veröffentlicht.

Das Handwerk der Politiker

Wenn wir im Iran von Politikern reden, reden wir automatisch auch von Geistlichen. In Deutschland ist das weniger auffällig, weil da die Politiker sich selbst als Verwirklicher moralischer Werte inszenieren, auch wenn sie die kirchliche Agenda eher im Hintergrund vorantreiben. Das wird bei Themen wie Abtreibung oder Sterbehilfe manchmal sichtbar. Aber selbst hierzulande bringen sich Geistliche durchaus in die Politik ein, etwa der Erzbischof von Freiburg, wenn er „Genderideologie“ und „Umweltbewegung“ als „moderne Häresien“ bezeichnet. Politiker brauchen die Stimmen der Wähler, um sich zu legitimieren. Für Geistliche im Iran, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden betrachten, ist diese Legitimation zwar zweitrangig, aber diese Legitimation ist für sie im Umgang mit westlichen Staaten von Nutzen. Dann ist es leichter, mit Verweis auf den Wählerwillen Kritik aus dem Westen abblitzen zu lassen. Schauen wir, wie die iranischen Politiker auf die Wassernot in Chusestan reagieren:

Der scheidende Staatspräsident Hassan Rouhani

Der scheidende Staatspräsident Hassan Rouhani betonte, dass die Menschen in Chusestan mit gutem Recht über den Wassermangel verärgert seien, aber sie müssten auch aufpassen, dass die Gegner der Islamischen Republik sich das nicht zunutze machten.

Der Religiöse Führer Ajatollah Chamene’i

Der religiöse Führer Ajatollah Chamene‘i bezeichnete den Wassermangel in Chusestan als zutiefst schmerzend und führte die Situation auf „mangelnde Berücksichtigung meiner Auffassungen in den vorausgegangenen Jahren“. Sprich: Andere haben nicht auf seine weisen Worte gehört, deshalb gibt es jetzt kein Wasser in Chusestan.

Ebrahim Ra’issi, der jetzt das Präsidentenamt übernimmt

Ebrahim Ra‘issi, der neu „gewählte“ Präsident des Irans, betonte, dass das Problem des Mangels an Trinkwasser mit Priorität gelöst werden müsse. Es gehe nicht an, dass das Volk darunter leide. Er – Ebrahim Ra‘issi, habe den Rat gegeben, dass die zuständige Stiftung auf den Plan trete, um das Problem zu lösen. Mit anderen Worten: Die führenden Personen äußern alle Verständnis für die protestierende Bevölkerung in Chusestan, aber keiner von ihnen gibt den Befehl, dass die brutale Unterdrückung der Proteste gestoppt wird.

Image ist alles

In der Politik und bei Wahlen zählt nicht, was ein Politiker tatsächlich tut oder getan hat, sondern das, was die Wählenden über ihn glauben. Dieser Glauben wird durch das Auftreten beeinflusst: Wirkt der Mensch seriös? Was hat Einfluss auf die Glaubwürdigkeit? Das Alter? Die Herkunft? Der Haarschnitt? Der Bart? Die Kleidung? Die Gestik? Die Tonhöhe der Stimme? Die Berichterstattung in den Medien? Seine oder ihre Fähigkeit, wirtschaftliche Veränderungen für die Wählenden herbeizuführen? Wenn wir diese Punkte aufzählen, dürfen wir nicht vergessen, dass es im Iran keine freien Medien gibt und unabhängige Blogger schnell im Gefängnis landen. Die Politiker, also die Geistlichen, entscheiden noch viel stärker über wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg des Einzelnen, weil der Staat die meisten Wirtschaftszweige in der Hand hat. Selbst die Privatisierung im Iran war nur eine Scheinprivatisierung. Eine Studie des wissenschaftlichen Dienstes des iranischen Parlaments von 2016 hat ergeben, dass nur ein Sechstel der Privatisierungen im Iran tatsächlich in privaten Händen landete, der Reste war nur eine getarnte Übertragung der Aktien an Menschen im Dunstkreis staatlicher Institutionen. Aufgrund der führenden Rolle der Geistlichen sind staatliche Institutionen hier nicht nur Ministerien, sondern auch religiöse Stiftungen. Schauen wir uns einige von ihnen näher an.

Das Resa-Heiligtum in Maschhad

Astan-e Qods Razavi – die Heilige Schwelle des Resa-Heiligtums in Maschhad

Diese Stiftung gehört zu den größten Unternehmen des Irans. Sie beschäftigt in ihren Unternehmen rund 19.000 Menschen. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt hierzu 2017: „Der Stiftung gehören die Hälfte des Immobilienbesitzes in der Millionenstadt Mashhad sowie grosse Teile der umliegenden Provinz Khorasan, wie die Tübinger Ethnologin Katharina Müller erklärt.“ Die Webseite Iranwire schreibt am 16. März 2016, dass die Stiftung 90% der fruchtbaren Böden in den drei nordöstlichen Provinzen des Irans besitzt.

Von der Revolution 1979 bis zu seinem Tod im Jahr 2016 war der Direktor der Stiftung Ajatollah Abbas Vaez-Tabasi. Seine Tochter ist mit dem Sohn des Religiösen Führers Ajatollah Chamene‘i verheiratet. 2016 ernannte der Religiöse Führer Ajatollah Chamene‘i einen neuen Direktor für die Stiftung: Ebrahim Ra‘issi. Zu ihm merkt Ulrich von Schwerin in der Neuen Zürcher Zeitung 2017 an: „Raisi ist mit einer Tochter des einflussreichen Freitagspredigers von Mashhad, Ayatollah Ahmad Alamolhoda, verheiratet.“

Das Logo der Stiftung

Ra‘issi leitete die Stiftung bis 2019, als Chamene‘i ihn zum Oberhaupt der Justiz ernannte, bis er jetzt – 2021 – ins Amt des Staatspräsidenten überwechselte. Wenn Ra‘issi davon spricht, er habe den Rat gegeben, die zuständige Stiftung mit der Lösung des Trinkwasserproblems in Chusestan zu beauftragen, meint er vermutlich die Astan-e Qods Razavi.

Das Fatima-Heiligtum in Qom

Haram-e Fateme-ye Masumeh – Das Heiligtum der unschuldigen Fatima in Qom

Nach dem Resa-Heiligtum in Maschhad ist das Fatima-Heiligtum in Qom der zweitwichtigste Wallfahrtsort im Iran. Der Bevollmächtigte für diese Stiftung ist Seyyed Mohammad Saeedi (Sa‘di), der zugleich der Freitagsprediger von Qom ist. Die Freitagsprediger werden direkt vom Religiösen Führer eingesetzt. Der Vater von Seyyed Mohammad Saeedi war Seyyed Mohammad Reza Saeedi. Er war ein Mitstreiter von Chomeini und soll im Alter von 41 unter dem Schah an den Folterungen des Geheimdienstes SAVAK gestorben sein.

Staudammbau

Sherkate Mahâb: Macht über das Wasser

Sherkate Mohandesiye Moshâvere Mahâbe Qods, die Ingenieurs- und Beratungsfirma Mahabe Qods, ist im Iran das Unternehmen, das die meisten Firmen für Staudammbau und den Betrieb von Staudämmen, für die Speicherung und Verteilung von Wasser und Strom unter ihrem Dach vereinigt. Die Stiftung Astan-e Qods Razavi besitzt 26% dieser Firma, die Stiftung Haram-e Fateme-ye Masumeh besitzt weitere 25%, so dass die beiden Stiftungen zusammen die eigentlichen Herrscher über die Wasservorräte des Irans sind. Unter dem angeblich „moderaten“ Präsidenten Hassan Rouhani wurden in der Parlamentsperiode 2016-2020 die übrigen 49% der Aktien der Firma Mahâb an die Stiftung Astan-e Qods Razavi übertragen. Ein Vorgehen, das deutlich macht, dass das reformorientierte, wirtschafts“liberale“ Image von Hassan Rouhani nicht unbedingt den Tatsachen entspricht. Als der Vorgang publik wurde, war der Skandal so groß, dass Hassan Rouhani die Aktien wieder gegen eine üppige Entschädigung aus der Staatskasse zurückholte und dem Ministerium für Energie übertrug. Es heißt, dass der neue Präsident Ebrahim Raissi schon bald nach seinem Amtsantritt die Rückgabe wieder rückgängig machen will. Dieses beharrschliche Geschachere um die Staudämme, die Wasser- und Energievesorgung des Landes zeigen deutlich, dass es hier um einen Kernbereich von Macht geht. Das wird hierzulande gerne übersehen, und da sich die Mehrheit der Menschen bei Themen wie Wasser, Abwasser und Strom meist nur für die Gebühren und Preise interessiert, ist das Gespür für kritische Entwicklungen noch in den Anfängen. Sichtbar wurde es hier in Zusammenhang mit dem Thema Cross-Border-Leasing-Verträge Anfang der 2000er. Damals wurden in Österreich und Deutschland Unternehmen der Wasserversorgung (z.B. der Bodensee-Wasserverband), Abwassernetze (z.B. das Abwassernetz von Stuttgart) und Wasser-Kraftwerke (zum Beispiel von der TIWAG in Tirol) an US-Konzerne verhökert und zurückgeleast, mit dem Ziel, die US-Steuerbehörden um ihre Einnahmen zu prellen. Die Verträge waren zugleich mit Geheimhaltungsklauseln versehen, die auch eine nachträgliche Kontrolle durch die Öffentlichkeit bis heute behindern. Vielleicht helfen diese Hinweise, um sich auszumalen, wie sehr die Verschwiegenheit der Stiftungen den iranischen Machthabern hilft, ihre persönliche Verantwortung für die Wassernot im Lande zu verschleiern.

Logo von Mahab Qods

Zurück zu Sherkate Mahâb: Diese Firma besitzt 49,98% der Aktien von Sherkate Sarmâye-Gozâriye sanâye°e barq wa âb Sabâ (dt. Investitionsgesellschaft für Strom- und Wasserindustrie) sowie einen beträchtlichen Anteil der Goruhe Bozorge Mapnâ (Großgruppe Mapnâ), der drittgrößten Firma im Bereich von Kraftwerk- und Staudammbau im Nahen Osten. Weiterhin besitzt Mahâb 51 bis 60% der Anteile an 39 Firmen auf Provinzebene, die für die Stromversorgung zuständig sind, sowie einen bedeutenden Anteil an weiteren 25 Firmen zur Stromgewinnung und zum Betrieb von Kraftwerken. Hinzu kommen Anteile an 44 Firmen im Sektor Wasserversorgung und Abwassernetz auf Provinzebene.

Logo der EIKO

Das Hauptquartier zur Ausführung des Befehls des Imams (EIKO)

Diese Institution – auf Persisch Setâde Ejrâye Farmâne Emâm oder kurz Setâd, auf Englisch Execution of Imam Khomeini‘s Order (EIKO), die sich im Namen auf Imam Chomeini beruft, den Gründer der Islamischen Republik, wurde im April 1989, einen Monat vor Chomeinis Tod auf dessen Betreiben gegründet. Eigentlich sollte sie konfisziertes und herrenloses Vermögen aus Grundstücken und Unternehmen aus den Anfangsjahren nach dem Sturz des Schahs verwalten, den ursprünglichen Besitzern zurückgeben oder an den Staatsaushalt übertragen. Aber es kam anders. Die Institution, die Reichtümer verteilen sollte, wurde zu einer Organisation, die Reichtum anhäufte. Laut einer Schätzung von Reuters aus dem Jahr 2013 hat sie sich bis dahin Immobilien im Wert von 52 Milliarden Dollar und Anteile an Firmen im Wert von 43 Milliarden Dollar angeeignet.

EIKO – im Namen des Befehls von Chomeini

Einer der drei Gründer dieser Organisation war übrigens Mehdi Karrubi, 2009 einer der reformistischen Kandidaten der Präsidentschaftswahl, der bis heute im Hausarrest lebt, einer illegal verhängten Form von Gefangenschaft ohne Gerichtsverfahren.

Logo der Tadbir Economic Development Group

Tadbir (Maßnahme) und Barakat (Segen): die islamische Alternative zu feindlicher Übernahme und Spin-Doktoren?

Die EIKO hat ihre Aktivitäten in zwei Dachorganisationen zusammengefasst – der Tadbir Economic Development Group, die die Aktienpakete verwaltet, und der Barakat-Stiftung, die Dorf-Entwicklungsprojekte durchführt. Dadurch, dass Tadbir den Religiösen Führer und die Justiz hinter sich weiß, kann sie den erforderlichen Druck ausüben, um Eigentum in ihren Besitz zu bekommen – Reuters berichtete 2013 über entsprechende Praktiken (ohne dabei Tadbir namentlich zu erwähnen).

Barane Barakat – der Regen des Segens, Wortspiel mit dem Namen der Barakat-Stiftung

Die Barakat-Stiftung kann durch die Entscheidung, wo sie Entwicklungsprojekte durchführt, dafür sorgen, Anhänger und Unterstützer des Systems in den entsprechenden Gebieten zu rekrutieren.

Die Buchhaltung des Hauptquartiers zur Ausführung des Befehls des Imams (EIKO) darf nicht einmal vom iranischen Parlament kontrolliert werden. Insofern sollte man Behauptungen von Vertretern des EIKO nicht zum Nennwert nehmen, wenn sie sagen, sie hätten nicht mehr Rechte als andere Privatunternehmen, und sie würden auch Steuern zahlen. Wo ist die Behörde, die das kontrollieren könnte? Und wenn es ums Recht geht: Wer kann sich mit einer Institution anlegen, die direkt dem Religiösen Führer untersteht, der als „Rechtsgehlehrter“ die Rechtsprechung in der Hand hat und den Obersten Chef der Justiz persönlich einsetzt?

Der Höhenflug der EIKO ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass der Religiöse Führer auf diesem Weg über ein Budget verfügen kann, das kein Parlament kontrollieren oder gar kürzen kann und das ihn auch unabhängig von anderen Ajatollahs macht, deren Einnahmen viel stärker von religiösen Spenden ihrer Anhänger abhängen.

Mohammad Mokhber, der Präsident der EIKO

Seit 2007 wird die EIKO von Mohammad Mokhber (Mochber) geleitet, der vom Religiösen Führer Ajatollah Chamene‘i in dieses Amt eingesetzt wurde. Mohammad Mokhber kommt übrigens aus Dezful in der Provinz Chusestan.

Wasser zu Stahl?

Wenn man über Stahlerzeugung spricht, denkt man als Laie nicht an Wasser. Es wird aber zum Kühlen benötigt. In Deutschland soll der Wasserverbrauch für die Stahlerzeugung von 35 Kubikmetern pro Tonne Stahl auf 8 Kubikmeter pro Tonne Stahl gesunken sein (1983-2014). Wie hoch der Verbrauch im Iran ist, ist nicht bekannt. Bekannt ist immerhin, über welche Entnahmerechte für Wasser bestimmte Stahlunternehmen verfügen. So darf die Stahlfirma Jahân-Ârâ aus Khorramshahr (Chorramschahr) in Chusestan täglich 20.000 Kubikmeter Wasser entnehmen (ein Kubikmeter sind Tausend Liter). Chusestan hatte 2006 ca. 4,3 Millionen Einwohner. Das heißt, allein die von dieser Stahlfirma täglich entnehmbare Wassermenge von 20 Millionen Liter Wasser macht 4,6 Liter Wasser pro Kopf und Tag aus.

Die Stahlfirma Jahân-Ârâ in Chorramschahr

Und wem gehört die Stahlfirma Jahân-Ârâ? Der Hauptteil der Aktien liegt in den Händen der Barakat-Stiftung, des EIKO und der Wirtschaftsgruppe Tadbir – also in der Hand des Religiösen Führers. Eben jener Person, die jetzt den notleidenden Menschen in Chusestan versichert, man habe in den vergangenen Jahren nicht auf seine Worte gehört und er empfinde das Leiden der Menschen als zutiefst schmerzhaft.

Den Bock zum Gärtner machen

Und das ist noch nicht das Ende vom Lied: Der iranische Staatspräsident hat mit dem Hauptquartier zur Ausführung des Befehls des Imams (EIKO) einen Vertrag geschlossen, dass es die Trinkwasserversorgung in Chusestan sicherstellen soll. Und so verkündet Mohammad Mokhber, der Präsident der EIKO, stolz, dass er mit Zisternenwagen und durch einen Vertrag mit dem Unternehmen für Wasserversorgung und Abwasser der Provinz Chusestan dafür sorgen wird, dass die Bevölkerung in Chusestan zu Trinkwasser kommt. Das Wasserversorgungsunternehmen gehört übrigens der Stiftung Astane Qodse Razavi und der Firma Mahâb.

Isfahan: Zentrum der Stahlerzeugung

Staudammbau im Oberlauf des Zayande-Rud

Der Zayande-Rud ist der wasserreichste Fluss des iranischen Zentralplateaus. Sein Quellgebiet ist das zentrale Zagros-Gebirge. Sein Wasser dient u.a. der Bewässerung von Reisfeldern, einer großen Eisengießerei und der Stahlfabrik Mobareke in Isfahan. Durch den Bau von Tunneln zur Wasserentnahme wird das Wasser des Zayande-Rud nicht nur der Provinz Isfahan genutzt, sondern auch in den Provinzen Yazd und Kerman. Seit dem Jahr 1386 (2007) fließt der Zayande-Rud nicht mehr durchgängig, so dass die Bevölkerung von Isfahan plötzlich auf dem Trockenen sitzt. Man stelle sich vor, der Rhein in Köln wäre ohne Wasser oder die Seine in Paris.

Si-o-Se-Pol – 33 Brückenbögen am Zayanderud in Isfahan – vor der Austrocknung

Die Ursachen für die Austrocknung des Unterlaufs sind vielfältig. Zum einen fällt im Zagros-Gebirge weniger Schnee, so dass die Schneedecke auf den Gebirgszügen im Frühjahr 1396 (2017) unter einem Meter lag, während sie früher selbst im Sommer noch höher als 2 Meter war. Das Wasser, das über Tunnels aus dem Quellgebiet des Karun angezapft und zum Zayande-Rud umgeleitet wird, ist ebenfalls weniger geworden. Reisanbau am Unterlauf des Flusses ist ein Beispiel für nicht an das heiße Klima angepasste Landwirtschaft mit hohem Wasserverbrauch. Das lang währende Austrocknen des Unterlaufs trat erstmals in den 1990er Jahren auf, als unter Präsident Chatami begonnen wurde, Wasser aus dem Zayande-Rud in die Provinz Yazd umzuleiten.

Si-o-Se-Pol – 33 Brückenbögen am Zayanderud in Isfahan – der klägliche Zustand heute

Die Politiker von Isfahan haben zudem viel getan, Industrie in der Region anzusiedeln:

Die Eisengießerei von Isfahan, die Erdölraffinerie von Isfahan, die Petrochemie von Isfahan, die chemische Industrie, die Stahlfabrik Mobareke Sepahan, die Erdölfabrik von Sepahan und zahlreiche weitere Fabriken, die viel Wasser verbrauchen. Hinzu kommen die Kraftwerke entlang des Flusslaufs.

Logo der Stahlfabrik Mobareke

Allein das Stahlwerk Mobareke verbraucht 27 Millionen Kubikmeter Wasser, was sechs Prozent des gesamten Wasserverbrauchs von Isfahan darstellt. Die persische Wikipedia gibt an, dass die Kapazität des Stahlproduzenten Mobareke bei 10,3 Mio Tonnen Stahl liegt. Damit käme man auf einen Verbrauch von 2,6 Kubikmeter Wasser pro Tonne Stahl, was unter dem Verbrauch in Deutschland liegt. Da für das Jahr 2019/2020 ein Produktionsrekord von 10 Mio Stahl aus Mobareke gemeldet wurde, stellt sich die Frage, ob die Firma sparsamer mit Wasser umgeht als deutsche Firmen oder ob die Zahlen über den Wasserverbrauch aus politischen Gründen gefälscht wurden. Die iranische Wikipedia schreibt über die Firma, sie habe einen Weltrekord im Einsparen von Wasser gesetzt und verbrauche „nur 5,1% des Wassers des Zayande-Rud“.

Eines der Werke der Stahlfabrik Mobareke in Isfahan

Wem gehört nun die im Iran preisgekrönte Stahlfabrik Mobareke? Die Hauptaktionäre sind Einrichtungen wie die Sazemane touse‘eye nousaziye ma‘aden wa sanaye‘e ma‘dani (Behörde zur Entwicklung und Erneuerung der Bergwerke und der Verhüttungsindustrie), Sherkate touse‘eye sarmayeye refah (Firma zur Entwicklung des Wohlstandskapitals), sherkate ostane xorasane razavi (Firma der Provinz Chorassan-Rasawi), die unter staatlicher Kontrolle stehen und somit letztlich der Regierung und dem Religiösen Führer unterstehen.

Selbst wenn wir unterstellen, dass das Stahlwerk „nur“ 5,1% des Wassers des Zayande-Ruds verbraucht, kommen noch die Eisengießerei von Esfahan sowie 28 weitere Stahlfabriken in der Provinz Isfahan hinzu, deren Wasserrechte auf dem Wasser beruhen, das aus dem Oberlauf des Karun-Flusses abgeleitet wird. Auch diese Firmen sollen mehrheitlich in staatlicher Hand oder scheinprivatisiert sein.

Ajatollah Seyyed Yousef Tabatabai-Nezhad: Vom Arbeitsverbot für Frauen in Behörden, über das Verbot des Fahrradfahrens für Frauen in Isfahan bis hin zur verhüllten Aufforderung zur Gewalt an unverhüllten Frauengesichtern – ein Hardliner der Islamischen Republik Iran

Wassermangel: Gottes Strafe für schlecht verhüllte Frauenköpfe

In Isfahan hat der Religiöse Führer einen vertrauenswürdigen Vertreter etabliert: Seyyed Yousef Tabatabai-Nezhad. Er ist der Vertreter des Religiösen Führers für die Provinz Isfahan, der Freitagsprediger der Stadt Isfahan, der Leiter des Theologischen Seminars (Houzeye Elmi) von Isfahan und Vertreter von Isfahan im Expertenrat. Für ihn ist die Ursache der Austrocknung des Zayande-Rud klar: Sie ist eine Strafe Gottes, weil die Frauen von Isfahan am Ufer des Flusses mit unzureichender Kopfbekleidung promenieren und von sich dabei Fotos machen lassen. Da kommt die Frage nach Wasserentnahmerechten und Aktionären von Unternehmen erst gar nicht auf, und wenn es Gottes Strafe ist, gibt es auch nichts zu protestieren.

Zuckerrohranbau in Chusestan: Süßer Zucker und salziges Wasser

In Chusestan gibt es 6 große Unternehmen, die Zuckerrohr anbauen. Sie haben Wasserrechte auf die Feuchtgebiete und Sümpfe in Chusestan. Die Nutzung dieser Wasserrechte hat zu einem Prozess der Versalzung der Hauptwasserwege in Chusestan geführt. Wer sind die Aktionäre dieser Großunternehmen zum Zuckerrohranbau? Die Banke Melli (Nationalbank), die Banke Saderat (Exportbank) und das Ministerium für Landwirtschaft. Die beiden genannten Banken werden im Iran mit der Veruntreuung gewaltiger Geldsummen genannt, und das Landwirtschaftsministerium, das eigentlich die Landwirtschaft unterstützen soll, hat mit diesem Projekt einen wichtigen Beitrag zum Untergang der Landwirtschaft im Unterlauf des Karun geleistet.

Toter Dattelpalmenhain – die Folgen der Versalzung

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=232043

vom 4. Mordad 1400 (26. Juli 2021)

سهام‌داران بهره‌برداری از منابع آبی خوزستان؛ از آستان قدس تا ستاد اجرایی فرمان امام

https://en.wikipedia.org/wiki/2019_Iran_floods

https://www.badische-zeitung.de/erzbischof-gaenswein-weiht-und-segnet-denkmal-fuer-verleger-franz-burda–203586919.html

vom 22. Juli 2021

https://fa.wikipedia.org/wiki/خصولتی

مرکز پژوهش‌های مجلس شورای اسلامی

Bericht von 1395 (2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Astan-e_Qods-e_Razavi

https://en.wikipedia.org/wiki/Astan_Quds_Razavi

https://www.nzz.ch/international/praesidentenwahl-in-iran-ein-sanfter-hardliner-mit-ambitionen-ld.1290965

Ulrich von Schwerin, Istanbul

07.05.2017, 10.00 Uhr

https://iranwire.com/en/features/1712

vom Wednesday, 16 March 2016 von Behrouz, Mina

One Unaccountable King is Dead, Long Live another Unaccountable King!

„The organization owns 90 percent of the fertile land in Iran’s three northeastern provinces. It owns 43 percent of the city of Mashhad, and has 300,000 tenants.“

https://en.wikipedia.org/wiki/Abbas_Vaez-Tabasi

https://en.wikipedia.org/wiki/Fatima_Masumeh_Shrine

https://en.wikipedia.org/wiki/Seyyed_Mohammad_Saeedi

https://en.wikipedia.org/wiki/Seyyed_Mohammad_Reza_Saeedi

https://fa.wikipedia.org/wiki/مهاب_قدس

http://www.dietiwag.org/index.php?id=1550

10.11.2008

Crash-Border: Wie lange kann die TIWAG die Medien noch so belügen?

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Tiroler-Wasserkraft-Schweigeklage-gegen-Online-Kritiker-abgewiesen-209991.html

07.10.2008 18:01 Uhr, Von Daniel AJ Sokolov

Tiroler Wasserkraft: Schweigeklage gegen Online-Kritiker abgewiesen

http://www.hundert-wasser.org/CrossBorderLeasing.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Bodensee-Wasserversorgung

Überschrift: Cross-Border-Leasing-Vertrag 2002–2009

https://en.wikipedia.org/wiki/Execution_of_Imam_Khomeini’s_Order

Setâde Ejrâye Farmâne Emâm

https://www.reuters.com/investigates/iran/#article/part1

By Steve Stecklow, Babak Dehghanpisheh and Yeganeh Torbati

Filed November 11, 2013

Khamenei controls massive financial empire built on property seizures

https://en.wikipedia.org/wiki/Mohammad_Mokhber

https://de.wikipedia.org/wiki/Statista

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12104/umfrage/wassereinsatz-bei-der-stahlerzeugung-von-1983-bis-2007/

https://www.lech-stahlwerke.de/de/unternehmen/umwelt/wasser.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Chuzestan

https://fa.wikipedia.org/wiki/زاینده‌رود

https://fa.wikipedia.org/wiki/شرکت_فولاد_مبارکه_اصفهان

https://www.irna.ir/news/84270980/فولاد-مبارکه-اصفهان-به-رکورد-تولید-۱۰-میلیون-تن-فولاد-خام-دست

vom 30. Esfand 1399 (März 2020)

فولاد مبارکه اصفهان به رکورد تولید ۱۰ میلیون تُن فولاد خام دست یافت

https://www.aparat.com/v/yvQ3T/

Rede des Freitagspredigers von Isfahan aus dem Jahr 2016 (?)

https://fa.wikipedia.org/wiki/سید_یوسف_طباطبایی‌نژاد

https://en.wikipedia.org/wiki/Yousef_Tabatabai_Nejad

Iran: Nachwuchs für die Diktatur

Bild: https://www.peykeiran.com/

Die Webseite peyekiran veröffentlichte am 15. Mai 2021 einen Bericht, der noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie geschrieben wurde. Der Bericht gibt die Beobachtungen einer Inspektorin in Mädchenschulen wieder.

Das islamistische Regime definiert sich wesentlich dadurch, dass bestimmte Regeln, die von Geistlichen bestimmter Denkart im Iran für verbindlich erklärt werden, eingehalten werden. Es ist für die Machthabenden ein Indikator für die Anerkennung ihres Machtanspruchs, je besser es ihnen gelingt, die Gesellschaft zur Einhaltung dieser Regeln zu veranlassen. Da viele Regeln das Äußere von Frauen betreffen, stehen Frauen und Mädchen unter verschärfter Aufsicht des Regimes.

Die Frage ist, wie es das Regime schafft, seine islamistischen Regeln und damit sich selbst am Leben zu halten, obwohl sie damit eigentlich 50% der Bevölkerung, nämlich alle Frauen, gegen sich haben müsste. Der Bericht der Inspektorin wurde wohl mehr zu dem Zweck verfasst, die Unterdrückung der Schülerinnen durch das Regime anzuprangern, aber er liefert auch Einblicke, aus welchen Motiven Frauen und Mädchen sich selbst dafür einspannen lassen, die Politik der Regierenden durchzusetzen. Die religiösen Vorstellungen in der eigenen Familie und das Verhalten der Eltern ist hier leider nicht Thema, obwohl diese einen entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten haben.

Der Struwwelpeter der Ajatollahs

Die Autorin berichtet von der ersten Schule, einer staatlichen Schule in der Umgebung von Teheran. Sie war dort als Inspektorin auf einer Versammlung von Eltern und Erzieherinnen/Lehrerinnen anwesend. Die Schulglocke läutet gerade und die Verfasserin beschreibt die Kleidung der Mädchen, die die Schule verlassen. In dieser Schule haben sie einen langen Umhängemantel in dunkler Farbe, die gleiche Farbe wie die langen Hosen, sowie ein über den Kopf gezogenes Tuch, das nur das enge Oval des Gesichts freilässt. Bunte Farben sind beim Regime verpönt, wie die Autorin schreibt.

In anderen Schulen geht es ein bißchen lockerer zu, da sind auch farbfrohere Varianten von Umhängemantel und Gesichtstuch zulässig. Die Ärmelumschläge und Taschen haben eine andere Farbe als der Mantel selbst. Mitunter ist auch ein Stoffband der gleichen Farbe auf das Gesichtstuch genäht, an der Stelle, wo sonst ein Haarreif sitzen könnte. Das sind die kleinen Freiheiten. Der Spass hört auf, wenn die Mädchen sich mehr erlauben, zum Beispiel lange Fingernägel oder lackierte und verzierte Fingernägel. So hat die Verfasserin erlebt, dass zwei Mädchen mit Ordnerbinde an der Türschwelle stehen, wenn die Mädchen morgens in geordneter Reihe die Schule betreten, und die Nägel der Mitschülerinnen inspizieren. Nur die dürfen in die Schule eintreten, deren Fingernägel die Kontrolle anstandslos passiert haben.

Wer zu lange Fingernägel hat, bleibt draußen, wer die Nägel lackiert hat, ebenfalls. Die mit den lackierten Fingernägeln werden mit Watte und Aceton traktiert, um den Lack zu entfernen, auf diejenigen, die zu lange Nägel haben, wartet die Nagelschere. Die iranisch-islamistische Version von Struwwelpeter.

Die Ungezogenen und die Schlauen

Dem Mädchen, dass diese Aktion überwacht, ist es gleichgültig, wenn die Betroffene dabei weint. Später spricht die Verfasserin das Mädchen, das beim Nagelschneiden als Aufseherin diente, auf ihre Rolle an und fragt sie, wie es denn dazu kam, dass gerade sie für diese Tätigkeit ausgewählt wurde.

Sie sagt: „Im Ordnerdienst sind zwei Gruppen. Die einen sind die Schlauen, die anderen sind wie ich diejenigen, die zu den „ungezogenen Kindern“ zählten. Auf diese Art (=durch die Einteilung zum Ordnerdienst) sollte ich „auf den richtigen Weg“ gebracht werden.

Die Verfasserin fragt darauf: „Und, hat es genützt?“

Sie sagt: „Ja, schon, ich war schließlich gezwungen, einige Dinge zu unterlassen, die ich früher gemacht habe.“

Die Mitschülerinnen – darunter auch die Tochter meiner Schwester – erzählen der Verfasserin, dass einige der Ordnerinnen die Gelegenheit nutzen, um mit bestimmten Personen ihre persönliche Rechnung zu begleichen, während sie bei engen Freundinnen alle Augen zudrücken.

Bis wir Menschen geworden sind

Die Verfasserin berichtet, wie zum dem Ende der Pause der Schulhof wieder leer wird. Sie geht durch die Gänge und hört die Stimmen der Lehrerinnen in den Klassenzimmern. Vor der Tür der Rektorin stehen einige Schülerinnen. Sobald sie zu flüstern beginnen, hört man die Rektorin protestieren. Die Verfasserin fragt die Mädchen, was sie da machen, wieso sie nicht in ihrer Klasse sind.

Die eine sagt: „Weil wir unsere Augenbrauen gezupft haben, müssen wir so lange hier stehen, bis sie wieder nachgewachsen sind.“ Und was dann mit ihrem Unterricht ist, will die Verfasserin wissen.

Sie antworten: „Nix.. wir bleiben eben zurück, bis wir „Menschen geworden“ sind..“ Die drei Mädchen lachen. Die eine sagt: „Und da geht es uns noch gut. Früher wurde uns ein Wischmopp in die Hand gedrückt und wir mussten die Gänge putzen. Das ist echt uncool.“ Die Verfasserin meint, sie an ihrer Stelle hätte sich schon längst verdrückt. Worauf die Mädchen antworten: „Dann merken sie, dass wir weg sind und wir bekommen eine schlechte Note im Betragen.“ Die Verfasserin schreibt: „Ich fühle mich in meine eigene Schulzeit zurückversetzt. Damals war es verboten, sich die Haare an den Lippen zu zupfen. In der Pubertät, wo man auf verschiedene Dinge so sensibel reagiert, hat dieser dunkle Schimmer an den Lippen das Selbstwertgefühl stark gemindert, und was für blöde Sprüche mussten wir uns wegen dieser Härchen nicht alles anhören!“

Leibesvisitation

Manchmal kommt es auch vor, dass die Vize-Rektorinnen mit dem Team der Ordnerinnen plötzlich im Unterricht einer Lehrerin auftauchen, alle aus dem Klassenzimmer schicken und in Abwesenheit der Mädchen ihre Taschen durchsuchen. Ziel ist es, Kosmetika, Handy und alle Arten von Mitteln der Verschönerung zu entdecken, die die Mädchen dabei haben. Mitunter zählt auch ein Handspiegel zu diesen Utensilien. Handy, Gold und andere Wertsachen werden nur den Eltern ausgehändigt, Kosmetika und Schmuck werden nicht mehr zurück gegeben. Dies bekommt die Verfasserin von Mädchen erzählt, die ohne Lehrerin im Schulhof sitzen. Sie fragt, wie oft das vorkommt. Ein Mädchen meint: „Wenn sie jemanden im Verdacht haben oder jemand ein Mädchen verpfiffen hat, dass sie ein Handy dabei hat. Aber das ist noch nicht alles. Manchmal werden wir sogar am ganzen Körper kontrolliert. Die Putzfrau der Schule muss dann sogar unsere Unterwäsche durchsuchen.

Die Verfasserin spricht mit der Putzfrau, eine ältere Dame. Sie schüttet ihr das Herz aus: „Schauen Sie, zu was ich jetzt am Ende meiner Tage noch gezwungen werde. Die selbst empfinden es als anstößig, aber mich schicken sie vor, damit ich die Mädchen am Körper durchsuche.“

Die Verfasserin fragt, was wäre, wenn sie sich weigern würde. Die Putzfrau sagt: „Das ist für die kein Problem. Wenn du nicht folgst, dann raus mit dir. Wir haben ja keine offizielle Anstellung. Draußen gibt es genug Menschen, die in Not sind (= auf eine Gelegenheit warten). Schauen Sie nur, ich muss die ganze Schule putzen, der Hausmeister macht höchstens mal den Schulhof.“

Das war schon immer so

Kein Haus im Umkreis hat Einblick in den Schulhof. Außer dem Hausmeister, der während der Schulzeit auch außer Hauses sein kann, ist kein männliches Wesen anwesend. Die Lehrerinnen, das Verwaltungspersonal, alle sind Frauen. Und trotzdem herrscht Schleierpflicht in allen Bereichen der Schule. (AdÜ: die theologische Begründung für die Schleierpflicht der Frauen ist ja, dass sie unbedeckten Haupts die Männer aufreizen würden.) Wer sich der Pflicht widersetzt, wir verwarnt.

Die Verfasserin spricht eine Vize-Rektorin an: „Die Flure und Klassenzimmer gehören ja nicht mehr zum Außenbereich. Warum dürfen die Schülerinnen da nicht frei entscheiden, ob sie das Kopftuch tragen wollen?“ Sie sagt: „So ist das Gesetz, das war schon immer so und ist jetzt so üblich. Das ist die Schuluniform, die muss getragen werden. Da ist kein Unterschied zwischen Hof und Klassenzimmer. Gesetz ist Gesetz. Außerdem kommen oft die Eltern der Kinder, es kommt eine Inspektion, und wir können nicht die ganze Zeit kontrollieren, ob die Kinder jetzt die Schleierpflicht beachten oder nicht. Deshalb ist der Schleier durchgehend Pflicht.“

Die Zähmung der Andersdenkenden

Es sieht so aus, als wäre die Lehrerin für Buchhaltung anderer Meinung. Sie sagt: „Ich überlasse es meinen Schülerinnen, ob sie das Kopftuch (Maqna‘e) im Unterricht ausziehen wollen. Aber es sind nur wenige, die das tun. In den zehn, zwölf Jahren, in denen ich an dieser Schule unterrichte, haben sie sich an diese Kleidung gewöhnt. So wie wir selbst uns auch daran gewöhnt haben.“

Die Verfasserin fragt: „Und was, wenn die Vize-Rektorinnen mitkriegen, das die Mädchen im Unterricht kein Kopftuch tragen? Kommt dann Kritik?“

Sie antwortet: „Gewöhnlich kümmern die sich nicht darum. Aber wenn jemand Meldung erstattet, kann es sein, dass ich Rede und Antwort stehen muss.“

Die Verfasserin fragt: „Wer kann denn Meldung erstatten?“

Sie antwortet: „Das Verwaltungspersonal hat in allen Klassen seine Spitzel. Das wird direkt von den Kindern verlangt. Selbst die Lehrerinnen werden aufgefordert, Disziplinarverstöße der Schülerinnen zu melden. Bespitzelung ist in den Schulen eine geläufige und übliche Praxis geworden. Du weißt, dass du immer und überall unter Beobachtung stehst.

Die Verfasserin fragt die Lehrerin, ob sie selbst während des Unterrichts das Kopftuch schonmal abgenommen hat. Sie verneint: „Nein, um die Wahrheit zu sagen, die Schülerinnen kommen damit nicht zurecht. Sie haben sich daran gewöhnt, ihre Lehrerinnen mit Kopftuch zu sehen. Wenn du es abnimmst, bricht Chaos aus, dann kriegst du die Klasse nicht mehr gebändigt. Und dann wird auch noch alles gleich verpfiffen, da wird man dann zur Rechenschaft gezogen. Das alles bringt mich zum Schluss, dass es sich nicht lohnt.“

Quelle:

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=228204
vom 25. Ordibehesht 1400 (15. Mai 2021)

Iran: Verteile und herrsche

سپیده قلیان
Sepide Qolyan

Derzeit kommen aus dem Iran Meldungen von Verlegungen politischer Gefangener, bei denen zumindest in einigen Fällen das Motiv vorzuliegen scheint, die Gefangenen möglichst heimatfern zu verlegen, um Besuche noch mehr zu erschweren. Eine Gefangene, die dies jetzt zu spüren bekam, ist Sepide Qolyan, eine Menschenrechtlerin, die die streikenden Arbeiter der Zuckerfabrik von Neyshekar Haft-Tape unterstützt hatte. Sie hatte sich zusammen mit Arbeitern der Fabrik bei der Staatssicherheit von Schusch nach dem Verbleib inhaftierter Arbeiter erkundigt und wurde bei der Gelegenheit selbst verhaftet. Nach einem Monat wurde sie gegen Kaution freigelassen. Als die staatliche Rundfunk- und Fernsehgesellschaft Sima wa Seda das unter Druck abgelegte „Geständnis“ von ihr und einigen Mitgefangenen ausstrahlte, machte sie zusammen mit einem anderen Gefangenen bekannt, dass sie von Beamten des Geheimdienstministeriums und anderer „Sicherheits“kräfte gefoltert wurden. Nur wenige Stunden nach dieser Erklärung wurden sie wieder verhaftet. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung, in der sie schließlich (im Jahr 2019) zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Diese Strafe verbüßte sie im Ewin-Gefängnis. Sepide Qolyan hatte mehrfach beantragt, in die Nähe ihrer Familie ins Sepidar-Gefängnis von Ahwaz verlegt zu werden. Stattdessen wurde sie am 9. März 2021 ohne Vorankündigung ins Gefängnis von Buschehr verlegt, das 600 Kilometer vom Wohnort ihrer Eltern entfernt ist.

Auch mit anderen Gefangenen wurde ähnlich verfahren.

Die Direktion des Ewin-Gefängnisses sowie die Oberste Gefängnisverwaltung hat in den letzten Monaten mehrmals erklärt, sie sei nur ausführendes Organ der Verlegungen, die von anderen Institutionen angeordnet würden. Das kann stimmen, überprüfen können wir es nicht. Klar ist nur die Absicht, die hinter den Verlegungen steht. Den Zusammenhalt der Gefangenen aufzubrechen, sie von ihrem Umfeld zu isolieren und sie so moralisch zu schwächen.

Den einzelnen Gefangenen mögen die Herrschenden auf diesem Weg brechen, aber die Ursache für die Unruhe im Iran, der rasante wirtschaftliche Niedergang, wird dadurch nicht gestoppt.

Quelle:

سپیده قلیان از اوین با دست بند و پا بند به زندان بوشهر تبعید شد
vom 21. Esfand 1399 (11. März 2021)

Iran: Die Stellung der Frau auf dem Arbeitsmarkt

„Arbeit ist das Angebot von Waren oder Dienstleistungen auf einem Markt, um dafür eine Vergütung zu erhalten.“

Zentrum für Statistik des Irans

Das Zentrum für Statistik des Irans hat im Herbst 2020 einen Bericht über den Arbeitsmarkt im Iran veröffentlicht.

Demnach beträgt die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter (über 15 Jahre) im Iran 42,4 Millionen Menschen, bei einer Gesamtbevölkerung von 84 Millionen. Von den 42,4 Millionen sind 25,8 Millionen erwerbstätig oder als Arbeitssuchende registriert. Somit sind rund 61% der erwerbsfähigen Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt präsent. Bei den Männern sind von 31,2 Millionen im erwerbsfähigen Alter 21,4 Millionen auf dem Arbeitsmarkt (rund 69%), während bei den Frauen von 31,2 Millionen im erwerbsfähigen Alter nur 4,2 Millionen auf dem Arbeitsmarkt präsent sind (rund 14%). Das führt dazu, dass der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung, die auf dem Arbeitsmarkt präsent ist, im Iran nur 41% beträgt (im Weltdurchschnitt 60%). Wohlgemerkt, die Quote von 14% umfasst auch die arbeitssuchenden Frauen. Das bedeutet, dass 6 von 7 Frauen im Iran nicht nur kein eigenes Einkommen haben, sondern auch nicht einmal arbeitslos gemeldet sind. Weltweit sind dagegen rund 48% der Frauen auf dem Arbeitsmarkt integriert, was deutlich macht, wie radikal anders die Lage für Frauen im Iran ist.

Zum Vergleich: In einem Buch über die Erwerbstätigkeit von Frauen im Iran, das 1383 (2004) erschienen ist, schreiben Puya Ala’eddini und Mohammad-Reza Razavi, dass die Quote der Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt präsent war, 1355 (1976) 14,8 Prozent betrug. Das war drei Jahre vor Ausbruch der Revolution. Somit ist der Iran in den letzten 42 Jahren in diesem Punkt auf der Stelle getreten. Das ist kein Wunder. Sobald die Islamisten an der Macht waren, hoben sie einiges von der Gesetzgebung des Schahs auf, darunter auch Rechte zum Schutz der Frauen. Der Beruf der Sekretärin wurde als für Frauen nicht gebührlich eingestuft. Nach der islamistischen Gesetzgebung müssen Frauen zuerst die Einwilligung des Ehemanns einholen, wenn sie arbeiten wollen, wenn sie eine selbständige Tätigkeit aufnehmen wollen oder eine Reise unternehmen wollen. Einer der auffälligen Widersprüche der iranischen Gesellschaft ist, dass der Anteil der Frauen, die studieren, deutlich gestiegen ist, während sie danach noch viel weniger Zugang zum Arbeitsmarkt finden wie ihre männlichen Kollegen.

Quelle:

https://www.radiofarda.com/a/Iranian-women-share-of-labor-market/31139647.html
vom 18. Esfand 1399 (8.3.2021)
جایگاه زنان در بازار کار ایران