Ich bin ein Berliner – iranische Identität

Am 20. Dezember, einen Tag vor der Wintersonnenwende, veröffentlichte peykeiran.com einen Aufsatz von Amir Soltanzade mit dem Titel „Iranische Traditionen, ein Bollwerk gegen die kulturelle Attacke der Regierung“, der zuerst im persischsprachigen „Independent“ erschien.

Amir Soltanzade schreibt: „Wann immer eines der traditionellen iranischen Feste näher rückt, setzen die Bestrebungen der Medien, die der iranischen Regierung nahestehen, ein, dieses Fest als unbedeutend erscheinen zu lassen. Dabei tritt deutlich zu Tage, dass diese Traditionen weiter bestehen und auf die nächsten Generationen übertragen werden. Aus der Sicht des Volks ist das eine Art Selbstverteidigungsmechanismus gegenüber dem kulturellen Angriff der Regierung auf verschiedene Lebensbereiche.“

Geschichte als Kulturkampf

Er schreibt weiter: „Nach der Revolution von 1357 (1979) versuchten die Islamisten schon in den ersten Jahren nach der Revolution, mit ihren ersten Schritten ihre spezielle Auffassung von der Religion als Mehrheitskultur zu verbreiten. In diesem Sinne spannten sie die staatliche Rundfunk- und Fernsehgesellschaft Sima va Seda, die Verlage, das Kultusministerium, die Hochschulen und die öffentlichen Tribünen allesamt für ihre Zwecke ein.“

Nieder mit Persepolis!

„In den ersten Jahren der Revolution versuchte man, alles, was irgendwie mit der vorislamischen Geschichte zu tun hat, auszulöschen. Selbst Persepolis (Takhte Jamshid) sollte zerstört werden. Viele Kulturgüter an den Wänden und Türen der Städte wurden vernichtet und mussten Darstellungen von Legenden über die schiitischen Imame und revolutionären Parolen weichen. Das ging immer weiter so, bis der Blick auf Nouruz, das wichtigste Fest der Iraner, gerichtet wurde.“

Nouruz ist das Fest der Bäume

„Das ging so weit, dass Abulqasem Khazali, ehemaliges Mitglied des Expertenrats und des Wächterrats, in seinen Reden forderte, Nouruz durch das Ghadir-Chomm-Fest als wichtigstes Fest der Iraner zu ersetzen.“ Ghadir-Chomm ist ein Ort zwischen Mekka und Medina, an dem der Prophet Mohammad einen Ausspruch getan haben soll, den die schiitische Theologen, nicht aber die Sunniten, als Übertragung der Nachfolge an Mohammads Neffen Ali deuten. Auf der persischen Webseite zu Ajatollah Abulqasem Khazali steht dazu, dass dieser vor der Freitagspredigt von Teheran folgende Worte geäußert habe: „Das Nouruz-Fest ist das Fest der Bäume. Das große Fest der Iraner muss das Ghadir-Fest sein.“ Der Beleg für das Zitat, ein Link zur staatlichen Nachrichtenagentur IRNA, ist leider nicht mehr aktiv.

Oh Gott, sie sind nicht in Feststimmung!

„Dieser Standpunkt war der Grund, dass einige fanatische Individuen nicht bereit waren, iranische, nicht-religiöse Feste zu feiern. Es ist möglich, dass auch Sie im Iran auf Menschen gestoßen sind, die zur Zeit von Nouruz (Frühlingsanfang) oder zur Schabe Yalda (Nacht der Wintersonnenwende) nicht in Feststimmung sind. In der Mehrheit der Fälle glauben diese Menschen, dass man diese Traditionen nicht beachten dürfe, weil sie so alt sind, dass sie auf die Zeit vor dem Islam zurückgehen. Denn für sie sind dies Denkmäler aus der Zeit des Unglaubens.“

Verfälschung der Traditionen

„Aber angesichts der weiten Verbreitung und der tiefen Verwurzelung der alten Traditionen in der Kultur des Volks im Iran, versuchen diese Personen letztlich, selbige zu islamisieren. (…) Dieser Ansatz hat dazu geführt, dass der Druck, die Traditionen zu verfälschen, weiter anhält.“

Mit ungleichen Waffen

Die letzten Äußerungen von Amir Soltanzade spiegeln einerseits wieder, dass der Kulturkampf im Iran mit ungleichen Waffen durchgeführt wird. Da ist der Staat, der die Feiertage festlegt oder abschafft, da sind die Polizeistreifen, die Jugendliche verfolgen, wenn sie am letzten Mittwoch vor Neujahr (Tschahar-Schanbeye suri) Feuer im Freien machen und darüber springen, da ist der staatliche Propagandaapparat, die Justiz, die Sittenwächter, die Feste, frohe Musik, Musik mit weiblichen Sängerinnen, gemeinsames Tanzen von Jungen und Mädchen und vieles mehr kriminalisieren und die Beteiligten vor Gericht und ins Gefängnis zerren. Das erzeugt Abwehr und Widerstand. Auf den vorislamischen Traditionen zu beharren bedeutet Widerstand gegen die islamische Diktatur, gegen die Herrschaft des Rechtsgelehrten.

Volk und Individuum

Mit den Worten „versuchten die Islamisten (…) ihre spezielle Auffassung von der Religion als Mehrheitskultur zu verbreiten“, mit dem Ausdruck „einige fanatische Individuen“ und dem Satz „Aber angesichts der weiten Verbreitung und der tiefen Verwurzelung der alten Traditionen in der Kultur des Volks im Iran, versuchen diese Personen letztlich, selbige zu islamisieren“ spricht Amir Soltanzade die Vorstellung aus, dass auf der einen Seite „das Volk“ (mardom) steht, auf der anderen Seite Individuen, Einzelpersonen (fard). Das Volk wird gleichgesetzt mit den alten, vorislamischen Traditionen, die Individuen sind fanatisch, Islamisten, die ihre Überzeugung der Mehrheit aufzwingen wollen und dabei auch einige Menschen erreicht haben, die aber in der Zahl nicht sehr groß zu sein scheinen, wie der Satz „ Es ist möglich, dass auch Sie im Iran auf Menschen gestoßen sind, die zur Zeit von Nouruz…“ signalisiert.

Das Fremde

Dahinter steht ein Geschichtsbild, das auf der einen Seite das Volk sieht, das alte, vorislamische Traditionen und Werte verkörpert, auf der anderen Seite Individuen, die dem Volk etwas Fremdes, nämlich den Islam aufzwingen wollen. In dieser Sicht ist der Islam eine von außen, von den Arabern aufgezwungene Religion. Diese Sicht ist unter nationalistisch gesinnten Iranern verbreitet. Sie ist ein Spiegelbild des Weltbilds, das Ajatollah Chomeini und seine Anhänger vor und nach der Religion vertraten. Hier war das Volk, das islamische, das die sittlichen Werte hochhielt, und da der Schah, der Tyrann, der die islamischen Werte verletzte und fremde Werte, westliche Werte, in den Iran importierte. Gharb-Zadegi, Verwestlichung, war ein zentraler Vorwurf vieler Revolutionäre, auch linker Revolutionäre, gegen das Schah-Regime. An seine Stelle ist der Vorwurf der Eslam-Zadegi, der Verislamierung getreten. Dieser Begriff wird in der politischen Diskussion nicht verwendet, aber er trifft den Kern, weil auch hier ein Gedanke als etwas Volksfremdes etikettiert und deshalb aus der Diskussion ausgeschlossen werden soll.

Wie fremd ist der Islam, wie vorislamisch ist Nouruz?

Wenn der Islam „dem Volk“ so fremd wäre, ist die Frage, wieso Ajatollah Chomeini es in den ersten Jahren der Revolution geschafft hat, unter seinen Parolen Millionen von Menschen, Männer und Frauen, auf die Straße zu bringen. Wenn sich heute eine Mehrheit im Iran vom politischen Islam abwendet, liegt das dann daran, dass der Islam volksfremd ist, oder daran, dass die Mehrheit in den vergangenen vierzig Jahren so bittere Erfahrungen mit der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ gemacht hat, dass sie daraus ihre Schlüsse gezogen hat? Dann geht es nicht darum, etwas „Fremdes“ auszustoßen, sondern es zu verdauen. Schauen wir uns doch einmal konkret an, wie vorislamisch die iranischen Feste sind, die das Volk trotz des Gegendrucks der Islamisten am Leben erhält.

Sofreye-Haft-Sin und Nouruz

Wenn wir Ostergedeck und Frühlingsanfang sagen statt Sofreye-Haft-Sin und Nouruz, klingt es gar nicht mehr so orientalisch. Nehmen wir Nouruz, das persische Neujahrsfest zum Frühlingsanfang, das heutzutage 13 Tage dauert. Wie traditionell ist es denn, die Straßen in sämtlichen Städten mit Autos zu verstopfen und auf allen Grünstreifen zu picknicken und zu parken, um am 13. Tag – sizdah-be-dar – nicht zu Hause zu bleiben? Viele Iraner, auch die im Exil, versäumen es nicht, zum Neujahrsfest ein besonders Gedeck herzurichten, Sofreye-Haft-Sin genannt. Für die Sofreye-Haft-Sin werden dem dem Wort nach sieben Gegenstände, die mit S anfangen, auf dem Tisch platziert. Mehr dazu bei Wikipedia und bei Alischirasi unter dem Stichwort Haft-Sin. Diese Tradition wird als echt iranisch betrachtet. Und jetzt die Frage: Was ist Sin? Es ist der Name des Buchstaben s auf Arabisch. Warum hat man den arabischen Namen gewählt? Wie hieß denn der Name des Buchstaben in den Alphabeten, die vor dem Islam im Iran verwendet wurden? Und warum Sofre? Das ist ebenfalls ein arabisches Wort. Für diese „uriranische“ Tradition muss also die Schrift und der Wortschatz der „arabischen Eroberer“ herhalten. Und warum heißt dieses Gedeck Haft-Sin? Weil dort sieben Gegenstände zu sehen sind, die im Persischen mit S beginnen, lautet die Erklärung. Wer genau hinschaut, sieht jedoch, dass da in der Regel mehr Gegenstände stehen, mit Sin und ohne Sin. Sonbol, die Hyazinthe, zum Beispiel, ist ein häufiger Gast, das achte Sin im Bunde. Und dann gibt es den Spiegel, den Goldfisch oder ein Buch von Hafez. Samt und sonders alle nicht mit Sin beginnend. Nehmen wir an, der Name würde etwas Uriranisches bezeichnen, welche Gegenstände sind dann die Richtigen? Und wie sind die anderen dazugekommen? Und seit wann? Wie stabil und wie alt ist dann dieser Brauch in der aktuell gefeierten Version? Der Dichter Hafez lebte zu einer Zeit im Iran, als dieser schon islamisiert war. Selbst der Beiname Hafez verweist auf den Koran – so nannte man einen Menschen, der den Koran auswendig zitieren konnte. Was ist dann daran uniranisch, dass heutige Islamisten die Traditionen islamisieren wollen? Das geschieht doch schon seit Jahrhunderten!

Eine weitere Charaktergestalt des Neujahrsfestes ist der als Schwarzer mit roter Farbe verkleidete Hadschi Firuz. Firuz ist ein persischer Name, aber Hadschi ist ein Ehrentitel für diejenigen, die die Mekka-Pilgerfahrt absolviert haben, für einen gläubigen Muslim eine wichtige Aufgabe.

Was älter ist, hat Recht?

Amir Soltanzade schreibt, dass „die mehrere Tausend Jahre alte Vorgeschichte von Nouruz und Schabe Yalda und deren Traditionen wesentlich über die Religion hinaus verbreitet waren und nach der Überzeugung einiger Historiker seit Darius I. Eingang in den iranischen Kalender gefunden haben. Es heißt, dass die Landwirtschaft damals die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung gewesen sei und die Iraner deshalb der Natur besondere Ehre erwiesen. Der Wechsel der Jahreszeiten war für das Volk sehr wichtig. Und so kam es, dass sich hieraus nach und nach eine verbreitete Tradition entwickelte.“

Das Volk und die Narren

Dieses Bemühen, Traditionen möglichst alt erscheinen zu lassen und daraus eine Legitimation zu schöpfen, ist keineswegs auf den Iran beschränkt. Hier eine Parallele aus der südwestdeutschen Vergangenheit. Zitat: „Er (Willi Hermann) übernahm die Leitung des Volksbildungswerkes innerhalb der NS-Gemeinschaft »Kraft durch Freude« im Kreis Stockach. Zu seinen Aufgaben zählte die politische Indoktrination der KdF-Reisenden im Sommer sowie der gesamten Bevölkerung des ländlich geprägten Stockacher Umlandes im restlichen Jahr. Auch die Stockacher Fasnacht (19)37 sollte hin zur alemannischen Volksfasnacht ausgerichtet und deren »germanisch-urtümlicher« Charakter gestärkt werden. Denn man feierte in Baden bislang – so die Konstanzer NS-Tageszeitung Bodensee-Rundschau – zwei getrennte Erscheinungsformen der Fasnacht: »Im alten Brauchtum der alemannischen Volksfasnacht und in den Neuerfindungen des städtischen Karnevals.« 38)“

„Willi Hermann trug in seiner Funktion als Leiter des Volksbildungswerkes des KdF auch zur Neuausrichtung der Stockacher Fasnacht bei, indem – ganz im Sinne der Förderung der alemannischen Volksfasnacht – im Februar 1936 ein großer Umzug organisiert wurde. 42)“

„So wird dieser Umzug ein rauschender Abschlußakkord frohbeschwingter Narrheit, das Jahrhunderte alt und doch ewig jung durch die alte Narrenstadt klingt. Stadt und Land, sie sind vereint bei der Stockacher Volksfasnacht am Fasnachtsdienstag.« 44)“

Die Zeiten des größten Ruhms

Amir Soltanzade schreibt weiter: „Ali Chamene‘i, der Führer der Islamischen Republik (Iran), erklärte in einem Treffen mit dem Regierungskabinett im Monat Schahriwar 1390 (23.8.-22.9.2011): Was das Interesse am Iran anbelangt, sollte statt der Betonung des vorislamischen Irans der Iran nach der Einführung des Islams im Zentrum stehen; denn in keiner geschichtlichen Periode hat der Iran solchen Ruhm erlangt wie nach der Einführung des Islams.“ Amir Soltanzade sieht darin eine weiteren Beleg dafür, wie die Geistlichen die Geschichte verfälschen wollen. Das lässt sich auch anders sehen.

Parallelen in der Türkei

Ein Blick auf die Türkei zeigt, dass Atatürk den Rest des vorigen osmanischen Reichs, der noch verblieben war, durch militärischen Widerstand gegen die Besatzungsmächte und Modernisierung des Staates nach europäischen Vorbildern zu einem modernen Nationalstaat aufbauen wollte. In dieser Perspektive war die rückständige Religion ein wesentliches Hindernis. Religiöse Orden wurden verboten, die religiösen Schulen abgeschafft und durch staatliche Schulen ersetzt, in denen Jungen und Mädchen gleichermaßen ausgebildet wurden, religiöse Gerichte wurden ebenfalls abgeschafft, selbst die Kopfbekleidung wurde per Gesetz dem Westen angepasst. Und was haben wir jetzt? Einen Staatspräsidenten, der sich symbolisch auf das Osmanische Reich bezieht, für den der Kalif in Istanbul als Oberhaupt der Muslime der damaligen Welt so etwas wie der Mittelpunkt der Welt war. Statt fünftes Rad am Wagen der EU zu spielen, die ständig neue Gründe erfindet, die Türkei nicht in die Europäische Gemeinschaft aufzunehmen, besinnt er sich zurück auf ein Osmanisches Reich als religiöses, politisches und wirtschaftliches Zentrum im Mittelmeeraum und den angrenzenden Regionen. Da kommt nicht die Frage auf, wieso das Gebilde zerbrochen ist, der Bezugspunkt ist der Ruhm und die Größe des damaligen Imperiums, das bis vor die Tore Wiens gelangte.

Zurück zum Iran

Diesen Größenwahnsinn findet man auch bei den iranischen Islamisten wieder. Ajatollah Chomeini, der Begründer der Islamischen Republik, wollte die Revolution in die ganze Welt exportieren. Die Revolution gegen den Schah als Stellvertreter der USA im Nahen Osten (der Gendarm am Persischen Golf), als Verbündeter Israels, sowie die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran, die auch von einem US-Militärkommando nicht beendet werden konnte, das der damalige Präsident Carter entsandte, verliehen den iranischen Islamisten die Aura von echten Revolutionären, die auch unter Sunniten Anklang fand. Und das beharrliche Streben nach der Atombombe unter den Ajatollahs trotz aller wirtschaftlichen Kosten ist gleichfalls Ausdruck dieses Strebens nach „Größe“. Wenn ich die Atombombe habe, dann bin ich wer. Und was ist die Antwort des iranischen „Volks“ auf diese Suche nach Ruhm und Größe? Während Ajatollah Chamene‘i sie im Iran nach der Islamisierung findet, findet sie eine beachtliche gesellschaftliche Strömung im Iran in der Zeit davor. Da wird auf Persepolis (Tachte Dschamschid), auf König Kyros und König Dareios Bezug genommen, da wird der „Geburtstag“ von König Kyros begangen, und das Regime antwortet darauf mit Straßensperren und Bassidschi-Manövern in der Region. Beide Seiten jagen Geistern nach, Phantasiegebilden vergangener Größe, und nähren sich von Mythen wie der „ersten Menschenrechtserklärung der Welt“ vor 2500 Jahren unter dem Herrscher Kyros.

Was heißt es, Iraner zu sein?

Amir Soltanzade kommt über die Kritik an der Verfälschung der Traditionen und der iranischen Geschichte durch die islamistischen Machthaber schließlich zu seinem Kernpunkt, nämlich der Frage, was die Iraner definiert:

„Trotzdem weist alles darauf hin, dass die iranische Gesellschaft, sogar ein Großteil der gläubigen Muslime, gegenüber dem Druck der Regierung eine natürliche Reaktion an den Tag legen wie in jenen Zeiten, in denen fremde Völker den Iran besiegt hatten und bestrebt waren, die geltenden Bräuche zu ändern. Dieses Mal gehen sie nach demselben Vorbild vor, sie betonen die iranischen Traditionen und bewahren die eigene Kultur vor Veränderungen. Schabe Yalda und Nouruz sind de facto ein Teil der emotionalen Gemeinsamkeit und der gesellschaftlichen Erinnerung des Volkes, die wie ein Damm der Flut der neuen Kultur der islamischen theologischen Anstalten, die als islamische Kultur propagiert wird, standhalten. Viele Feste und Bräuche sind mittlerweise im Iran verloren gegangen. Aber diese beiden Beispiele sind die beiden einzigen Andenken an die iranische Kultur aus der Antike, deren Bewahrung für einen Großteil der iranischen Gesellschaft als Zeichen des Iraner-Seins gilt. Andererseits sind es gerade diese Traditionen, die angesichts der Globalisierung und der Angleichung der Kulturen das Privileg sein können, das ein Iraner mit dem andern teilt.“

Mit anderen Worten, egal ob ich im Iran oder im Exil in Lübeck lebe, wenn ich zum persischen Neujahr den Tisch mit dem Haft-Sin-Gedeck decke, dann bin ich Iraner. Das ist in der Summe ein recht bescheidener Anspruch. Da wird nicht vorausgesetzt, dass meine Eltern eine bestimmte Staatsangehörigkeit haben, dass ich an einem bestimmten Punkt der Welt geboren wurde oder eine bestimmte Sprache beherrsche, es reicht mein Tischlein-Deck-Dich, und ich bin Iraner. Das ist eine recht humane Einbürgerungsschwelle, falls Amir Soltanzade das wirklich so gemeint hat.

Aber es beantwortet nicht die Frage: Warum fühlen so viele Menschen das Bedürfnis, sich als etwas zu definieren, sei es als IranerIn, SchweizerIn oder AmerikanerIn, sei es als ChristIn, als MoslemIn oder als BuddhistIn, sei es als erfolgreiche/r UnternehmerIn, als solide/r HandwerkerIn oder als rüstige/r RentnerIn? Bringen wir den Kindern bei, dass sie nichts sind, wenn sie zu nichts gehören? Und wenn ja, warum? Weil wir auch nichts anderes gelernt haben? Wann kommt die Zeit, in der wir nachdenken, ob wir auch sein können, ohne Jemand zu sein?

zum Artikel von Amir Soltanzade:

https://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=220121

vom 30. Adhar 1399 (20. Dezember 2020)

سنت‌های ایرانی، سدی در برابر هجمه فرهنگی حکومت

https://fa.wikipedia.org/wiki/ابوالقاسم_خزعلی

وی خواستار جایگزینی عید غدیر خم به جای عید نوروز به عنوان جشن بزرگ ایرانیان شد.[۲۹] وی در سخنان پیش از خطبه نماز جمعه تهران گفت: «عید نوروز، عید درختان است، عید بزرگ ایرانیان باید عید غدیر باشد».[۳۰

30)آیت‌الله خزعلی: عید بزرگ ایرانیان باید عید غدیر باشد[پیوند مرده] (خبرگزاری ایرنا)

Link nicht mehr aktiv, 24.12.2020

zur Rede von Kenedy 1963 in Berlin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bin_ein_Berliner

zur Fasnacht am Bodensee:

SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR GESCHICHTE DES BODENSEES UND SEINER UMGEBUNG. Sonderdruck aus: 137. Heft 2019

Jürgen Klöckler: EINE IKONE DER FASNACHT AM BODENSEE

Zur NS-Vergangenheit des Konstanzer und Stockacher Fasnachters Willi Hermann, Zitate aus S.8

zum Thema Haft-Sin und Nouruz (sowie Ghadir Chumm):

https://de.wikipedia.org/wiki/Nouruz

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghad%C4%ABr_Chumm

http://alischirasi.blogsport.de/2009/03/16/fruehling-sofre-haft-sin-nouruz-fest-und-das-mullah-regime/

Haft Sin sind sieben Elemente, die alle im Persischen mit dem Buchstaben „S“ beginnen, mit denen die Tafel des Nouruz-Festes (persisches Neujahrsfest), zu Frühlingsbeginn (um den 21. März) im Iran dekoriert wird. Sprossen symbolisieren dabei Munterkeit, Pudding aus Weizen symbolisiert Wohltat und Segen, Knoblauch symbolisiert Schutz, Mehlbeeren die Saat des Lebens, Essig steht für Fröhlichkeit, Gewürzsumach symbolisiert den Geschmack des Lebens und Äpfel die Gesundheit.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gerber-Sumach

„Steinfrüchte, Sumak genannt (vermutlich von aramäisch summaq für dunkelrot)..“

https://en.wikipedia.org/wiki/Rhus_coriaria

The word originally comes from Aramaic summāqā ‚red‘, via Arabic, Latin, and French.[6]

Oxford English Dictionary, 3rd edition, September 2019, s.v.

https://de.wikipedia.org/wiki/Haft_Sin

    Sabze (سبزه „Grünes“, hier: „Weizen“-, „Gersten“- oder „Linsensprossen“) symbolisiert Munterkeit (sabz o choram „lebendig und munter“)

    Samanak/Samanou[6] (سمنو „Malz aus Weizen“) symbolisiert Wohltat und Segen

    Sir (سیر „Knoblauch“) symbolisiert Schutz

    Sendsched (سنجد „Mehlbeere“) symbolisiert die Saat bzw. den Keim des Lebens

    Serkeh[7] (سرکه „Essig“) symbolisiert Geduld und Fröhlichkeit

    Somagh (سماق „Gewürzsumach“) symbolisiert den Geschmack des Lebens

    Sib (سیب „Apfel“) symbolisiert Schönheit und Gesundheit

Ferner kann der Haft-Sin-Tisch mit weiteren Elementen geschmückt werden:

    Sonbol, gesprochen auch Sombol (سنبل „Hyazinthen“) symbolisiert Freundschaft

    Sekeh (سکه „Münze“) symbolisiert Wohlstand

    Ayineh (آیینه „Spiegel“) symbolisiert Reinheit und Ehrlichkeit

    Scham’ (شمع „Kerze“) symbolisiert Feuer

Tochm-e morgh-e rangi (تخم مرغ رنگی „Gefärbte Hühnereier“). Das Ei symbolisiert Fruchtbarkeit. Die Anzahl richtet sich meistens nach der Zahl der Familienmitglieder, vier Personen = vier Eier. Sie sind den Ostereiern vergleichbar.

Mahi ghermez (ماهی قرمز „Rotfisch“, Goldfisch) im Wasser symbolisiert Glücklichkeit. Alternativ werden auch Narendsch (نارنج „Bitterorangen“) in eine Schüssel mit klarem Wasser gelegt.

Ketāb (کتاب „Buch“) symbolisiert Weisheit; üblich sind Der Diwan von Hafis, das Schāhnāme von Abū l-Qāsem-e Ferdousī, oder je nach Glaubensrichtung das Avesta, der Koran, die Bibel oder die Tora.

zum Thema antikes Iran, Kyros und die Menschenrechte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Persepolis

https://de.wikipedia.org/wiki/Pasargadae

http://alischirasi.blogsport.de/2015/01/02/ein-gespenst-geht-um-im-iran-die-menschenrechtserklaerung/

https://alischirasi.wordpress.com/2017/10/30/iran-ruhe-in-frieden-kyros/

Iran: Wie entsorge ich eine Diktatur?

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Zahra Rahnaward

Zahra Rahnaward ist die Frau von Mirhossein Mussawi. Ihr Mann war 2009 als Präsidentschaftskandidat gegen den damaligen Präsidenten Ahmadineschad getreten und hatte die Wahl gewonnen. Der Sieg an der Urne hat nichts geholfen, denn der Wahlleiter, der das wahre Ergebnis bekannt gab, wurde umgebracht, und Ajatollah Chamene’i sorgte dafür, dass Ahmadineschad eine zweite Amtszeit antreten konnte. Zahra Rahnaward und Mirhossein Mussawi sowie ein weiterer Kandidat namens Mehdi Karrubi und seine Frau Fatemeh Karrubi werden seitdem unter der Bezeichung „Hausarrest“ in illegaler Haft ohne Prozess gehalten. Die Machthaber bezeichnen das als Ausdruck von Milde, weil die so Inhaftierten in einem Prozess zum Tode verurteilt würden. Den Grund für diese „Milde“ geben die Ajatollahs nicht bekannt und nach all den Massakern und Justizmorden seit 2009 ist auch nicht ersichtlich, dass die Machthaber Angst vor „dem Volk“ hätten, um sich an einer Hinrichtung gehindert zu fühlen. Dass die Vier noch am Leben sind, geht also vermutlich auf politisches Kalkül zurück.

Kritik an der Hinrichtung von Ruhollah Zam

Diesen Spielraum nutzt Zahra Rahnaward jetzt mit einer öffentlichen Erklärung auf der Webseite Kalame zur Hinrichtung des Journalisten Ruhollah Zam. Dieser war aus seinem Exil in Frankreich in den Irak gelockt und von dort in den Iran entführt worden. Er wurde kürzlich nach einem relativ kurzen und unfairen Prozess gehängt. Zahra schreibt an die Machthaber gerichtet, dass Unterdrückung und Blutvergießen zu einer systematischen Erscheinung im Iran geworden sind. Und weiter: „Ich empfehle Ihnen einen Blick in die Geschichte, wie es Regierungen ergangen ist, die mit diktatorischen und tyrannischen Methoden gegen die Bürger vorgingen. (…) Ihr habt den Journalisten Ruhollah Zam, der Aufklärung über die heimlichen Einkünfte und Korruption betrieben hat, ruhmreich aus einem anderen Land entführt, verhaftet und gefoltert. Ihr stellt ihn fern von den Blicken des Volkes vor Gericht und verurteilt ihn zum Tode.“ Sie verweist zum Schluss auf einen Ausspruch des Propheten Mohammad: „Eine Regierung kann mit (der Existenz von) Unglauben weiterbestehen, aber nicht mit Unterdrückung.“

Die Frau als Fliegengewicht der Macht

Ihre Meinung ist den Machthabern egal. Welches Gewicht Islamisten den Frauen beimessen, kann man daran erkennen, dass ihre Aussage vor Gericht nur halb so viel wiegt wie die eines Mannes.  Die gesamte Geistlichkeit im Iran bis zu den obersten Ajatollahs besteht aus Männern, und unter den Generälen der Revolutionswächter (Pasdaran) sind bis jetzt auch noch keine Frauen aufgefallen. Frauen sind in den oberen Kreisen der Macht nicht zu finden und ihre Meinung hat bei den Herrschaften kein Gewicht. Das weiß Zahra Rahnaward aus nächster Anschauung. Und deshalb sind solche Äußerungen nur scheinbar an die Regierenden gerichtet. Der wahre Adressat ist die Bevölkerung. Solche Kritik besagt nichts anderes als: Wir stehen auf eurer Seite. Was nicht heißt, dass Meinungsäußerungen straflos bleiben. Denn häufig geht es nicht um den Inhalt der Kritik, sondern darum, dass Kritik als Gesichtsverlust wahrgenommen wird.

Der Blick in die Geschichte

ist ein zweischneidiges Schwert. Zahra Rahnaward mag Recht haben, dass Diktaturen mitunter ein blutiges Ende nehmen. Aber der mahnende Zeigefinger nützt nichts. Solange für die Machthaber und ihre Unterstützer nur die Wahl bleibt, blutig an der Macht festzuhalten, um „ihr“ Eigentum und ihre Privilegien zu retten, oder aber umgebracht oder aus dem Land vertrieben zu  werden, werden sie sich schwer auf eine Machtübergabe einlassen. Ist hier eine Verhandlungslösung möglich? Und wenn nicht, warum soll man dann überhaupt noch mit den Machthabern reden? Welche Wege gibt es, diese Diktatur loszuwerden, ohne danach den Aufbau der nächsten zu erleben? Eine entscheidende Rolle hat hier die Erziehung. Was leben die Eltern ihren Kindern vor, was lernen diese? Mit lernen ist hier nicht die Schulbildung gemeint. In Staaten mit so hohem Anteil an junger Bevölkerung wie der Iran entscheidet das darüber, wie es weitergeht, und nicht die Waffen und nicht das Geld. Eine Regierung kann man stürzen, aber wenn in den Köpfen die gleichen Vorstellungen regieren wie in den Köpfen der heute Herrschenden, dann ist die nächste Revolution so wenig wert wie die von 1979.

Quellen

https://www.radiofarda.com/a/31010091.html
vom 30. Adhar 1399 (20.12.2020)
زهرا رهنورد: جوان‌کشی و خونریزی سیستماتیک برای دولتمردان پیش‌ پا افتاده شده است

https://news.gooya.com/2020/12/post-46630.php
vom 20. Dezember 2020
پیام زهرا رهنورد در اعتراض به اعدام روح الله زم

Minuswachstum der iranischen Wirtschaft

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das Wirtschaftswachstum des Irans im Jahr 2019 auf -9.5%.


Statistik des IMF zur iranischen Wirtschaft. Grün: Inflation, rot: Wirtschaftswachstum

Eine Woche zuvor hatte die Weltbank ähnliche Zahlen veröffentlicht: Die iranische Wirtschaft würde mit -8,7% wachsen – also schrumpfen. Letztere Schätzung basiert auf der Annahme, dass der Iran pro Tag 500.000 Barrel Öl produzieren und exportieren kann. Allerdings geben die Öltransportfirmen an, dass die derzeitige Exportmenge sich auf unter 300.000 Barrel pro Tag belaufen. Einen großen Teil der Einnahmen aus diesen Exporten muss der Iran allerdings für die Tilgung von Schulden verwenden. Und nicht vergessen: auch nach Syrien fliesst ein Teil der Erdölproduktion und es ist unklar, was davon bezahlt wird.

Die Inflationsrate im Iran beläuft sich dieses Jahr laut IWF auf 37,5% und laut Weltbank auf 38,3%. Für das Jahr 2020 wird vom IWF von 31% ausgegangen und von der Weltbank von 29%.

Die Arbeitslosigkeit beziffert der IWF auf 14,5%, dieses Jahr auf 16,8% und nächstes Jahr auf 17,4%.

Die USA haben im November letzten Jahres die Iran-Sanktionen erneut in Kraft treten lassen. Im September 2019 wurden die Strafmaßnahmen nochmals verschärft.

Iran:Die Proteste der Frauen

Quelle: Iran Journal
Ihre Mütter waren Kinder oder Jugendliche, als die Islamische Republik Iran und mit ihr die islamischen Kleidungsvorschriften eingeführt wurden. Die Töchter wurden in das digitale Zeitalter geboren und kennen so neben ihrer eigenen Lebenswirklichkeit auch die weite Welt von Kindesbeinen an. Auch wenn die üblichen Interessenkonflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sie und ihre Mütter trennen: Beide Generationen wollen Gleichstellung und Freiheit. Jüngstes Opfer der Unterdrückung von Frauen im Iran ist ein weiblicher Fußballfan. mehr »

Von Nasrin Bassiri

Die Töchter möchten in Freiheit leben, koste es, was es wolle. Sie verlassen das Land, um zu studieren, flüchten mit oder ohne Erlaubnis ihrer Eltern in eine Partnerschaft ohne Trauschein oder nutzen andere Schlupflöcher, die ihnen noch offen stehen. Partys in Gärten außerhalb der Städte, Kurztrips nach Antalya oder Tiflis, Touristenbusse zu den Sehenswürdigkeiten des Landes, in denen die Vorhänge zugezogen und feuchtfröhlich gefeiert wird. Sie legen ihre Kopftücher ab, lassen sich die Haare scheren und malen oder kleben sich Bärte an, um in Sportstadien zu gelangen. Sie treiben Kampfsport und spielen Fußball. Gemeinsam mit Jungs fahren sie Skateboard und laufen Parcours, tanzen auf den Teheraner Straßen und singen in der Öffentlichkeit, obwohl Frauen das untersagt ist.

Nicht selten geraten sie dabei ins Netz der Ordnungskräfte und werden verhaftet. Ob es den Greisen an der Macht aber gelingen wird, sie mit eiserner Hand und hohen Haftstrafen zu bezwingen, ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass sie die Unterstützung vieler Männer und ihrer Familien genießen.

Der namhafte iranische Filmregisseure Jafar Panahi, selbst Vater, kennt das Problem aus nächster Nähe. Sein Film „Offside“ über das Frauenverbot in Fußballstadien brachte ihm bei der Berlinale 2006 den Großen Preis der Jury ein.

Nach Protesten von Frauen und Drohungen der FIFA, keine internationalen Spiele mehr im Iran stattfinden zu lassen, lenkten die Machthaber ein. Bei der Fußball-WM 2018 wurde Frauen der Zutritt zum Azadi-Stadion gewährt. Später durften dann nur noch ausgewählte Frauen die Spiele ansehen: Ausländerinnen und Iranerinnen mit Doppelpass oder ausgesuchte Pressevertreterinnen. Die FIFA ist enttäuscht und kündigte laut DPA Mitte August an, die Beteiligung des Iran an der WM 2022 stünde „wieder auf der Kippe“, da die Aufhebung des Stadionverbots für Frauen nicht umgesetzt werde. Ebenfalls laut DPA reagierte der iranische Generalstaatsanwalt Mohammed Dschafar Montaseri mit den Worten, es sei „nicht die Angelegenheit der FIFA, ob unter den Fußballfans in den Stadien auch Frauen sind oder nicht“.
Viele junge Frauen verschaffen sich Zugang zu den Stadien, indem sie sich als Mann verkleiden

Viele junge Frauen verschaffen sich Zugang zu den Stadien, indem sie sich als Mann verkleiden

Für das seit Beginn der Islamischen Republik vor mehr als 40 Jahren bestehende Zutrittsverbot gibt es keine rechtliche Grundlage. Es wird lediglich behauptet, Frauen begingen eine Sünde, wenn sie halbnackte Spieler auf dem Rasen sähen, zudem benutzten Zuschauer unanständige Schimpfwörter, die nicht für Frauenohren bestimmt seien. Die gegen das Stadionverbot protestierenden Frauen meinen dagegen, man solle dann doch verbieten, dass die Männer unanständige Dinge sagten, statt den Frauen zu verbieten, ins Stadion zu gehen.

Das blaue Mädchen

Die iranischen Medien nennen sie „Das blaue Mädchen: Am Montag, den 2. September 2019, schüttete die 29-jährige Sahar Khodayari sich vor dem Teheraner Revolutionsgericht einen Kanister Benzin über den Kopf und zündete sich an. Passanten versuchten, das Feuer zu löschen, doch als die Rettungskräfte eintrafen, atmete die junge Frau kaum noch. Sie wurde mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo Sahar Khodayari am 10. September verstarb. Reporterinnen von Rooykarde Emrooz schreiben, die junge Frau sei zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.
Sahar Kohdayari, bekannt als „Das blaue Mädchen“

Sahar Kohdayari, bekannt als „Das blaue Mädchen“

Laut ihrer Familie hatte Sahar im März 2019 mit einem langen Mantel und einer blauen Perücke bekleidet das Haus verlassen, um nach Teheran zu fahren und das Spiel ihrer Lieblingsfußballmannschaft Esteghlal gegen die Mannschaft Al-Ain aus den Arabischen Emiraten anzusehen, berichtet Shahrvand Online. Dort wurde ihr der Zutritt verweigert, nachdem sie als Frau erkannt worden war. Die Sittenpolizei nahm Sahar wegen mangelhafter islamischer Bekleidung und Widerstand fest. Wegen Verstoßes gegen das Keuschheitsgebot, sittenwidrigen Benehmens und Beleidigung der Ordnungskräfte wurde Anklage erhoben. Nachdem ihre Familie eine Kaution von 50 Millionen Tuman gezahlt hatte, kam sie bis zur Verhandlung zunächst wieder frei.

Als einzige seiner zwei Söhne und sechs Töchter habe sich Sahar für Fußball interessiert, berichtete ihr Vater gegenüber Sanaat News: „Sie war in Fußball vernarrt.“ Seine anderen Kinder hätten ihre Köpfe lieber in Bücher gesteckt. Auch Sahar hatte zwei Hochschulabschlüsse: in Fremdsprachen und in Informationstechnologie. Sie sei ein schlichtes Mädchen, das sich vor fünf Jahren plötzlich für Fußball zu interessieren begann und stundenlang vor dem Fernsehen Spiele angeschaut und für den Verein Esteghlal gebetet habe. „Ich hatte keine Einwände, solange sie die Spiele am Fernsehen verfolgte“, so Sahars Vater. Der Kriegsveteran arbeitete für „Bonyad e Janbazan“, eine Stiftung für Menschen mit Kriegsverletzungen und Behinderungen, und für „Jahad e Sazandegi“, eine ideologisch angehauchte Wiederaufbauorganisation. Mittlerweile ist er pensioniert. Im Gespräch mit Sanaat News sagte er, Sahar sei „seelisch angegriffen“ gewesen und habe bis vor kurzem Psychopharmaka eingenommen. Die Medikamente wurden abgesetzt, weil der Arzt meinte, sie könne durch die Nebenwirkungen erblinden. Er habe aber davor gewarnt, dass Sahar sich nun selbst gefährden könne. Sie hatte bereits zuvor einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.

Es ist unklar, ob das Interview mit dem offensichtlich religiösen und systemkonformen Familienvater der Wahrheit entspricht oder wie inszenierte Fernsehinterviews mit Gefangenen durch Drohungen und Druck entstanden ist.

Solidaritätswelle in den sozialen Netzwerken

Masoud Shojaee, der Kapitän der iranischen Fußballnationalmannschaft, verglich auf Instagram das Stadionverbot für Frauen mit dem Schleierverbot in der Zeit von Schah Reza Pahlevi, das von den Ordnungskräften mit Gewalt durchgesetzt wurde: „Unsere Nachkommen werden dafür kein Verständnis haben“, so Shojaee. Auch der Kapitän der Mannschaft Esteghlal, Veria Ghafouri, kritisierte das Stadionverbot und nannte es altertümlich. Der Fußballspieler Milad Meydawoodi bedauerte, das Leben eines Mädchens sei ein hoher Preis für den unschuldigen Traum, ins Stadion zu gehen. Und die Schauspielerin Pooria Sorkhpour schrieb: „So lange ich lebe, werde ich keinen Fuß in das Stadion setzen, für das Du brennen musstest, um hineinzugelangen.“

Die Proteste der Frauen


vom 11.09.2019
Iran Journal

Iran:Wut nach Tod des „blauen Mädchens


Sahar Khodayari

Quelle.Iran Journal
Sahar Khodayari, ein weiblicher iranischer Fußballfan, ist am Montag eine Woche nach ihrer Selbstverbrennung in einem Teheraner Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen.

Khodayari hatte am 12. März versucht, als Mann verkleidet das Stadionverbot für Frauen zu umgehen, um das Fußballspiel ihrer Lieblingsmannschaft Esteghlal in der asiatischen Champions League gegen Al-Ain aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in Teheran zu sehen. Die 29-Jährige fiel der Security jedoch auf und wurde am Eingang des Azadi-Stadions festgenommen. Sie musste zwei Tage in Untersuchungshaft verbringen und kam dann zunächst gegen eine Kaution von 50 Millionen Tuman, umgerechnet 5.000 Euro, frei.

Die Justiz leitete gegen Khodayari ein Verfahren wegen Beleidigung der öffentlichen Ordnung und Widerstand gegen die Polizei ein. Am 2. September erfuhr sie nach ihrer ersten Anhörung, dass ihr bis zu sechs Monate Haftstrafe drohten. Nach dem Verlassen des Revolutionsgerichts in Teheran übergoss sich die junge Frau mit Benzin und zündete sich an.

Khodayari wird in den sozialen Netzwerken nach der Farbe ihrer Lieblingsmannschaft Esteghlal als „blaues Mädchen“ bezeichnet. Unter dem Hashtag „Blaues Mädchen“ prangern nun Tausende Iraner*innen das Zutrittsverbot für Frauen in Sportstadien als „mittelalterliche und menschenrechtsfeindliche“ Maßnahme an und fordern deren Aufhebung. Die Abgeordnete Parvaneh Salahshouri schrieb auf Twitter: „Wo Männer die Grundrechte von Frauen missachten und Frauen diese Unterdrückung offenbar unterstützen, sind alle an der Selbstverbrennung von Sahar mitschuldig.“

Auch prominente Sportler äußern ihre Trauer um Khodayari. Der ehemalige Fußballspieler Ali Daei postete auf Instagram ein blau gefärbtes Foto, auf dem ein Mädchen zu sehen ist, das einen Ball in der Hand hält und mitten in einem Stadion in Flammen steht.
Quelle.Iran Journal

Wut nach Tod des „blauen Mädchens“


vom 10.09.2019
Es fällt auf, dass die Webseite Iran Journal den persischen Begriff „doxtar“ mit Mädchen übersetzt, obwohl es sich laut eigenen Angaben des Artikels um eine 29-jährige Frau handelt. Dahinter steht noch immer die sexistische Verwendung des Begriffs „doxtar“ für Jungfrau, die in Deutschland nicht mehr üblich ist.

Iran:Sepideh Gholiyan in Lebensgefahr


Sepideh Gholiyan
Die inhaftierte Studentin und Arbeiteraktivistin Sepideh Gholiyan, die sich seit mehr als sechs Tagen im Hungerstreik befindet, soll nicht mehr laufen können. Die „Kampagne zur Unterstützung der Inhaftierten aus Haft Tapeh“ berichtete am Sonntag, Gholiyan sei sehr geschwächt und könne sich nur mit einem Rollstuhl fortbewegen. Ihre Gesundheit sei „lebensgefährlich bedroht“. Gholiyan befindet sich im Frauengefängnis Gharchak 35 Kilometer südöstlich der iranischen Hauptstadt Teheran.

Am 22. Juli trat Gholiyan aus Protest gegen Beleidigungen ihrer Familie durch das Gefängnispersonal und aus Solidarität mit zwei weiteren hungerstreikenden Mitgefangen aus Haft Tapeh in einen Hungerstreik.

Die Inhaftierte war am 20. Januar in ihrem Elternhaus in der südwestiranischen Stadt Ahwaz zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten festgenommen worden. Im Anfang Januar hatte Gholiyan die Aussagen ihres Mitgefangenen Ismael Bakhshi bestätigt, der über massive psychische und körperliche Folter durch Beamte des Informationsministeriums im Gefängnis berichtet hatte. „Während unserer Haft habe ich gesehen, wie er bei einem Verhör gefoltert und schwer beleidigt wurde“, schrieb Gholiyan damals auf Twitter. Auch sie sei mit einem Kabel ausgepeitscht worden. Schlimmer als die körperliche Misshandlung seien aber die psychischen und sexuellen Beleidigungen im Gefängnis.

Gholiyan und anderen ArbeiteraktivistInnen wird vorgeworfen, „fremdgesteuert“ durch „kommunistische Organisationen im Ausland“ Proteste der ArbeiterInnen der Zuckerrohrfabrik Haft Tapeh in der südiranischen Provinz Khuzestan mitgetragen zu haben. Dort war es 2018 zu Streiks gekommen, mit denen die Auszahlung ausstehender Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gefordert worden waren.

http://iranjournal.org/news/iran

Iran: Die neue britische Regierung und die Straße von Hormus

Die neue britische Regierung hat bekanntgegeben, dass sie Frachtschiffe unter britischer Flagge künftig von der Royal Navy durch die Straße von Hormus eskortieren lassen will. Diese Entscheidung ist eine Reaktion auf die Festsetzung des britischen Tankers durch die iranischen Revolutionswächter in der vergangenen Woche. Die iranische Regirung will so einen iranischen Tanker freipressen, den die britische Marine Anfang Juli vor Gibraltar festgesetzt hatte. Irans Präsident Hassan Rohani hat in dieser Woche einen Austausch der Schiffe angeregt. London lehnt das bisher ab und verweist darauf, dass beide Fälle nicht vergleichbar seien, weil die britische Marine mit der Festsetzung des iranischen Tankers EU-Sanktionen durchsetze.

https://news.gooya.com/

Iran:Angriffe auf die religiöse Minderheit der Baha’i“

Drei Tage nachdem der Kurznachrichtendienst Twitter „wegen verbaler Angriffe auf die religiöse Minderheit der Baha’i“ die Konten mehrerer iranischer Medien blockiert hat, hetzt die Nachrichtenagentur Fars gegen die Baha’i.

Am Mittwoch veröffentlichte die der iranischen Revolutionsgarden nahestehende Nachrichtenagentur einen Artikel mit dem Titel „Baha’i-Firmen, getarnte Spione“, in dem die „heimtückischen Methoden der Baha’i zum Schaden der iranischen Wirtschaft“, angeprangert werden.

Derartige mediale Attacken auf die Baha’i haben bei staatlichen Medien in der Islamischen Republik Tradition. Deshalb hatte Twitter am 21. Juli die Schließung der Konten einiger staatsnahen Medien veranlasst.

Über 300.000 Baha’i leben im Iran. Sie bilden die größte religiöse Minderheit des Landes und werden vom Staat wegen ihres Glaubens verfolgt. Neben dem Studium werden Baha’i seit der islamischen Revolution von 1979 auch von staatlichen Berufen ausgeschlossen.

Zuletzt hat ein Gericht in der südiranischen Stadt Bushehr sieben Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Baha’i zu insgesamt 21 Jahren Haft verurteilt. Ihnen wurde „Propaganda gegen den islamischen Staat“ vorgeworfen. Eine Verwandte der Verurteilten sagte in einem Interview, diese hätten sich keineswegs politisch engagiert und seien allein wegen ihres Glaubens bestraft worden.

Quelle: http://iranjournal.org/news

Iran: Staatliches Vorgehen gegen Straßenkinder

Über 2000 iranische Staatsbürger, die im Iran leben, haben eine Erklärung unterschrieben, in der sie gegen das staatliche Vorgehen gegen Straßenkinder protestieren. Wie sie schreiben, ist der staatliche Kampf gegen die Straßenkinder keineswegs ein großartiges Sozialprojekt. Die eingesammelten Kinder werden dann an Orten festgehalten, deren Bedingungen iranischen Gefängnissen gleichen. Auch schiebt der iranische Staat afghanische Kinder direkt nach Afghanistan ab, ohne sich um die Rechte von Flüchtlingen zu scheren.

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bayaniye-ye shabake yari °aleyhe tarhe jam°-awariye kudakan

Iran:Nazanin Zaghari in die Psychiatrie verlegt

Die im Iran inhaftierte britisch-iranische Staatsbürgerin Nazanin Zaghari wurde am Montag in die Psychiatrie des Imam-Khomeini-Krankenhauses in Teheran verlegt. Das teilte ihr in London lebender Ehemann Richard Ratcliffe am Mittwoch mit. Dem Vater der Inhaftierten sei am Dienstag trotz stundenlangen Wartens kein Besuch bei seiner Tochter gewährt worden. Die Familie sei nicht informiert, warum und wie lange Zaghari-Ratcliffe in der Psychiatrie bleiben müsse. Außerdem werde sie dort von Sicherheitskräften der Revolutionsgarde streng überwacht.

Mitte Juni war Zaghari-Ratcliffe in einen über zweiwöchigen Hungerstreik getreten. Auch ihr Ehemann hatte aus Solidarität mit ihr einen Hungerstreik angefangen. Er kampierte über zwei Wochen vor der iranischen Botschaft in London und forderte die britische Regierung auf, sich für die Freilassung seiner „zu Unrecht verhafteten“ Ehefrau einzusetzen. Er bekam große öffentliche Aufmerksamkeit.

Zaghari-Ratcliffe ist Projektleiterin bei der Journalistenstiftung von Thompson Reuters. Im April 2016 wurde sie nach einem Familienbesuch im Iran am Teheraner Flughafen festgenommen. Laut der iranischen Justiz soll Zaghari-Ratcliffe in Verbindung mit iranischen Unternehmen und Organisationen gestanden haben, die mit dem Ausland zusammenarbeiten und einen „sanften Sturz“ im Iran planen. Sie wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Zaghari-Ratcliffe war mit ihrer damals 22 Monate alten Tochter im Iran. Die Tochter, die am 11. Juni fünf Jahre alt wurde, durfte den Iran nach der Verhaftung ihrer Mutter nicht verlassen und lebt seither bei ihren Großeltern mütterlicherseits.

Quelle: http://iranjournal.org/news