Online Kampagne gegen Bekleidungsvorschriften der Taliban

Die Arbeiterkommunistische Partei des Iran leitet bei Twitter ein AlJazeera – Video weiter, das wir hier zeigen.

Es handelt von der weltweiten Online-Kampagne von afghanischen Frauen, die gegen die Bekleidungsvorschriften der Taliban für afghanische Studentinnen protestieren. Unter dem Hashtag #DoNotTouchMyClothes (Fass meine Kleider nicht an!) finden sich zahlreiche Fotos von afghanischen Frauen in prächtigen traditionellen Kleidern, die samt den dazugehörigen Kommentaren der Frauen wiedergegeben werden. Sie stehen im scharfen Kontrast zu den Ganzkörperverschleierungen und Gesichtsschleiern, die nun von den Taliban für afghanische Studentinnen vorgeschrieben sind.

Afghanistan: vom Taliban-Führer Hebatullah Akhundzada

Hibatullah Achundsada (Bild: Wikipedia)

Mit dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan mehren sich Berichte über das Vorrücken der Taliban aus Pakistan in die verschiedenen afghanischen Provinzen. Insofern ist es angebracht, sich mit ihrem obersten Führer Hebatullah Akhundzada (Hibatullah Achundsada) nähern zu befassen. Das ist leicht gesagt. Der bequemste Weg ist erstmal Wikipedia. Schauen wir bei der deutschen Wiki nach, finden wir am 12. Juli 2021 einen recht kurzen Artikel über ihn mit sechs Quellenangaben. Fünf davon sind von 2016, als er zum Nachfolger des damals ermordeten Mullah Mansour ernannt wurde, nur einer ist neu, von N-TV vom 6. Juli 2021. Was liegt näher, als sich erstmal den neuesten Artikel anzuschauen. ntv selbst gehört mehrheitlich zur Mediengruppe RTL Deutschland. Es ist ein Privatsender, der sich aus Werbung finanziert. Eigenständige Recherche gehört nicht zu den Schwerpunkten dieses Senders, üblich sind Artikel auf der Basis von Berichten der großen Nachrichtenagenturen dpa, AFP oder Reuters. Eigentlich nicht die beste Quelle, um Hintergründe über den derzeitigen Führer der Taliban zu erfahren.

Dieser Mann besiegt die USA
So titelt ntv seinen Artikel über Hibatullah Achundsada am 6. Juli 2021. Wir erfahren gleich zu Beginn: „für die Afghanen beginnt das Grauen. Der brutale Religionsführer und Massenmörder Hibatullah Achundsada übernimmt die Macht“. Da interessiert uns doch die Basis für diese Aussagen. Die erste Quelle, die ntv angibt, ist die „aktuelle Auswertung des „Long War Journal“.“ Das Long War Journal wird von der Stiftung FDD herausgegeben, der Foundation For Defense of Democracies.
Zu dieser Stiftung schreibt die deutsche Wikipedia: „Der FDD wird eine Nähe zur Republikanischen Partei und konservativen Kreisen in der US-Politik nachgesagt. In den Medien – insbesondere im politisch linken Spektrum – wird sie in außenpolitischen Fragen zumeist den Falken unter den Denkfabriken zugeordnet.“
Die deutsche Wikipedia schreibt weiterhin: „Mark Dubowitz, der Vorsitzende der Stiftung, war außenpolitischer Berater von US-Präsident Donald Trump.“
Den Artikel, den ntv aus dem Long War Journal zitiert, schrieb Bill Roggio. Bill Roggio ist laut Auskunft der englischsprachigen Wiki ein ehemaliger aktiver Soldat der US-Armee der 1990er Jahre. Er ist heute der Herausgeber des Long War Journal. Sein Vorgehen und das seiner Mitarbeiter bei Long War Journal ist die Nutzung von Medienberichten und die Erweiterung durch „Informationen aus ihrem eigenen Netzwerk an US-Geheimdienstquellen“. Geheimdienste dienen in erster Linie zur Information derer, die über sie herrschen, und in zweiter Linie zur gezielten Fütterung der Öffentlichkeit mit news oder fake news, wenn dies denen dient, die über die Geheimdienste herrschen.
Der Artikel bezeichnet Hibatullah Achundsada im weiteren als brutalen Hardliner: „Achundsada eilt der Ruf eines brutalen Hardliners voraus. Zum Auftakt seines Eroberungszugs kam es zu einem perfiden Angriff auf eine Mädchenschule in Kabul mit 58 Todesopfern.“ Ohne dass konkret behauptet wird, Achundsada habe den Angriff angeordnet und auch ohne sonstigen Beleg für seine Urheberschaft wird er für diesen Angriff verantwortlich gemacht. Wir sagen nicht, dass er unschuldig ist oder dass er den Angriff nicht angeordnet hat, wir sagen nur, dass hier ein Zusammenhang hergestellt wird, ohne dass irgendwelche konkreten Belege vorgelegt werden. Diese Form von Andeutungen sind ein geeignetes Mittel, um einen Menschen zu diskreditieren, ohne dass die Leser auch nur die Frage stellen, was denn die Faktengrundlage ist. News oder Fake News?

Dass die Taliban Mädchen die Schulbildung verweigern, dass Achundsada die Zerstörung der Buddha-Statuen 2001 auch befürwortet hat, sind Fakten, die obige Behauptung nicht belegen. ntv schreibt: „Er finanziert seine Truppen vor allem durch Drogenhandel.“ Mit Sicherheit. Drogen sind sicherlich die wichtigste Exportware Afghanistans. Und zwar seit Jahrzehnten. Auch schon zur Zeit nach dem sowjetischen Einmarsch im Jahre 1979. Damals waren die afghanischen Islamisten dem Westen noch willkommen, weil sie ja gegen die Sowjetmacht kämpften, und da war der Drogenhandel gerne eine Sache, wo man nicht so genau hinschauen wollte. Aber jetzt, wo sie die Bösewichte sind, ist natürlich auch der Drogenhandel böse…

Umgang mit den Quellen
Wie ntv mit Quellen umgeht, sieht man an folgendem Detail:
„Der pakistanische Sicherheitsanalyst Baschir Bisan beschreibt ihn so: „Achundsada zieht Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben.“
Unter diesem Titel „Achundsada zieht das Töten dem Leben vor“ hat die Zeit am 26. Mai 2016 einen Artikel über den Mann veröffentlicht. ntv hat es nicht nötig, die Quelle anzugeben, die sie zitiert. Und mehr noch: Die Zeit schrieb damals:
„Es sieht so aus, als habe die Ermordung von Mansur den Hardlinern den Weg freigemacht“, sagte der pakistanische Sicherheitsanalyst Talaat Masood. Sein afghanischer Kollege Baschir Bisan sagte: „Achundsada zieht den Krieg dem Frieden vor und das Töten dem Leben.“
Wir sehen, dass ntv aus dem afghanischen Kollegen Baschir Bisan einen pakistanischen Sicherheitsanalysten macht. Da hat wohl jemand zu schnell und zu oberflächlich gelesen und die Dinge durcheinander gebracht.

Afghan Analysts Network
Am Schluss berichtet ntv auch von einem 122-seitigen Taliban-Handbuch, das Achundsada im Mai 2017 veröffentlichte. Auch hier kein Hinweis von der Herkunft der Information: Sie stammt von Borhan Osman vom Afghanistan Analysts Network und wurde am 15. Juli 2017 veröffentlicht. (AAN Q&A: Taleban leader Hebatullah’s new treatise on jihad)
Das Afghanistan Analysts Network veröffentlicht tatsächlich viele interessanten Artikel zu Afghanistan, die gründlich recherchiert sind, aber ntv ist das kein Hinweis wert. Datenklau erfolgreich beendet…

Aus Achundsadas Leben?
Nach diesen Beispielen für Schlampigkeit und mangelnde Seriösität ist es auch fraglich, was an folgenden persönlichen Angaben zu Hibatullah Achundsada stimmt:
„Achundsadas Leben ist von Gewalt dominiert. Sein Sohn Abdur Rahman starb bei einem Selbstmordanschlag auf eine afghanische Militärbasis. Sein Bruder wurde im August 2019 von einer Bombe getötet. Er selbst überlebte einen Attentatsversuch durch den afghanischen Geheimdienst. Während einer seiner Vorlesungen stand eines Tages ein Mann unter den Studenten und richtete eine Pistole auf Achundsada aus nächster Nähe, doch die Waffe klemmte und er überlebte.“
Vom versuchten Mordanschlag berichtet die englische Wikipedia über Hibatullah Akhundzada. Er soll sich 2012 in Qetta (Pakistan) ereignet haben, was anderen Berichten widerspricht, wonach Akhundzada in der Zeit Afghanistan nicht verlassen habe. Die englische Wiki bezieht sich dabei auf einen Artikel in New York Times vom 12.7.2016, den wir aber nicht lesen konnten, weil dazu die Zahlung einer Gebühr nötig wäre.
Die deutsche Wiki verweist noch auf einen Artikel der FAZ vom 25.5.2016 über Achundsada, in dem Achundsada ca. 50 Jahre zugeschrieben werden. Heute, fünf Jahre später, soll er 60 Jahre alt sein, 61 Jahre sind auch im Handel. Wir sehen, dass auch Informationen wie das Alter nicht sehr zuverlässig sind.

Ein möglicher Lebenslauf
Was möglicherweise zutrifft, sind folgende Angaben aus der englischen Wiki:
„His father, Mullah Mohammad Akhund, was a religious scholar as well as the imam of their village mosque.[6] Not owning any land or orchards of their own, the family depended on what the congregation paid his father in cash or in a portion of their crops. Akhundzada studied under his father.[citation needed] The family migrated to Quetta after the Soviet invasion and Akhundzada continued his education at one of the first seminaries established in the Sarnan neighborhood.“
Demnach war sein Vater Dorfgeistlicher in der Provinz Qandahar und lebte von den Zahlungen und Abgaben in Naturalien der Bauern. Nach dem sowjetischen Einmarsch emigrierte die Familie nach Qetta (Pakistan), 1996, mit der Eroberung Kabuls durch die Taliban, kam Achundsada nach Afghanistan zurück und wurde dort in der Provinz Leiter der Behörde für die Förderung der Tugend und der Unterbindung des Lasters (Amr be Ma’ruf wa Nahy az Monker). Später unterrichtete er an der Jihadi Madrasa in Kandahar, einem Seminar mit etwa 100.000 Studenten. Dieses Seminar stand direkt unter der Aufsicht von Mullah Omar, des damaligen Taliban-Führers. Später war Achundsada der Oberste Chef der Scharia-Gerichte in Afghanistan und er erließ auch zahlreiche religiöse Dekrete (Fatwas). Er genoß das Vertrauen von Mullah Omar, was sicher seinen späteren Übergang in die Führungsposition begünstigte.
Über seine eigentliche Jugend, über den Erziehungsstil und die Geisteswelt, die ihn prägte, wissen wir dagegen nichts. Und damit bleibt unser Wissen über einen Mann, der heute in Afghanistan zunehmend an Einfluss gewinnt, völlig lückenhaft. Diese Lücke verhindert auch ein Urteil, ob seine ganze religiöse Gelehrsamkeit nur Fassade ist, um seinen Machthunger religiös zu verkleiden, oder ob hinter seinem religiösen Weltbild die eigentliche Triebfeder für sein Handeln zu finden ist.
Dass Korruption nicht nur bei den iranischen Ajatollahs, sondern auch bei den afghanischen Taliban zu finden ist, ist nichts Neues. Trotzdem ist es wichtig zu wissen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Im Iran wissen wir es: Sicherlich 90% der Bevölkerung haben die Nase voll von der Bevormundung durch Geistliche. Aber wie sieht es heute in Afghanistan aus?
Das sind die Themen, die die Menschenrechtslage im Land beeinflussen, und nicht die Zahl der ausländischen Truppen, seien es sowjetische, amerikanische, iranische oder europäische.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hibatullah_Achundsada


https://en.wikipedia.org/wiki/Hibatullah_Akhundzada


https://fa.wikipedia.org/wiki/هبت‌الله_آخندزاده
die persische Webseite enthält nur sehr wenig Informationen!

https://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Dieser-Mann-besiegt-die-USA-article22664950.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE
vom 6.7.2021


https://www.longwarjournal.org/archives/2021/06/taliban-doubles-number-of-controlled-afghan-districts-since-may-1.php
vom 29. Juni 2021


https://www.zeit.de/politik/ausland/2016-05/afghanistan-taliban-friedensprozess-haibatullah-achundsada
vom 26. Mai 2016


https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/war-and-peace/aan-qa-taleban-leader-hebatullahs-new-treatise-on-jihad/
von Borhan Osman, vom 15. Juli 2017


https://www.nytimes.com/2016/07/12/world/asia/taliban-afghanistan-pakistan-mawlawi-haibatullah-akhundzada.html


https://www.faz.net/aktuell/politik/neuer-talibananfuehrer-ein-unklares-bild-14252193.html
vom 25.05.2016


http://ufuqnews.com/archives/34323
vom 25.05.2016


https://tolonews.com/afghanistan/hibatullahs-roots-were-non-political-and-reclusive
vom 29.05.2016


https://www.bbc.com/persian/afghanistan/2016/05/160525_mar_hibatullah_profile

https://de.wikipedia.org/wiki/N-tv


https://www.fdd.org/


https://de.wikipedia.org/wiki/Foundation_for_Defense_of_Democracies


https://en.wikipedia.org/wiki/Bill_Roggio