Iran – Proteste gegen Unterdrückung

In einem auf der Plattform Akhbar-Rooz veröffentlichten Aufsatz weist Fa’eq Hosseini darauf hin, dass die nach dem Foltertod der Kurdin Zhina Amini (Mahsa) ausgelösten Proteste eine neue Entwicklung darstellen. Die Proteste wurden nicht von einer politischen Organisation ausgelöst oder ausgerufen, wie etwa nach dem Wahlbetrug von Ahmadineschad bei den Präsidentschaftswahlen von 2009. Im Gegensatz zu den Protesten von 2017 und 2019 werden sie auch nicht von einer bestimmten Region, Berufs- oder Interessensgruppe getragen. Vielmehr fühlen sich von dem Tod der jungen Kurdin, die wegen angeblichen Verstoßes gegen die Schleiervorschriften von der sogenannten Sittenpolizei verhaftet und umgebracht wurde, sehr viele Menschen angesprochen:
Frauen, die die alltägliche Unterdrückung mittels Kleidervorschriften ankotzt, Jugendliche, die sich nicht laufend vom Staat gängeln lassen wollen, Angehörige diverser ethnischer Minderheiten, die von den Ajatollahs genauso unterdrückt werden wie vom persisch-nationalistischen Schah vor der Revolution: Kurden, Turkmenen, Aseris, Araber, Balutschen, Luren und Angehöriger religiöser Minderheiten, zu denen nicht nur Juden und Baha’is gehören, sondern auch die Sunniten und bestimmte Derwisch-Orden. Der Mord an Zhina Amini spricht die IranerInnen persönlich an und ihr Protest ist persönlich, aber eben nicht organisiert und keiner Partei oder Berufsgruppe zuzuordnen. Das macht die Stärke der Proteste aus, weil sie alle Unzufriedenen anspricht. Hosseini rät davon ab, falls irgendwelche Gruppen oder Organisationen versuchen sollten, sich vor diese Proteste zu spannen. Dann würden die Proteste nicht mehr als umfassend wahrgenommen, sondern nur noch als Ausdruck bestimmter Einzelinteressen, und sie würden verebben. Hosseini schreibt, dass es im Iran keine Organisation gebe, von der sich weite Teile der Bevölkerung vertreten fühlen. Wer sich ein anderes System wünscht, sollte daher froh sein, dass diese Bewegung spontan aufkommt und wächst. So sammeln Menschen verschiedener Schichten, Herkunft und Identität Erfahrungen im Umgang mit der staatlichen Repression und damit, wie sie umgangen werden kann. Und diese Erfahrung ist Voraussetzung für einen großen Umschwung im Land, der Schluss mit der Islamischen Republik macht.
Hosseini hält es für möglich, dass sich aus der Mitte der neuen Protestbewegung heraus neue Organisationskeime bilden, auf der Ebene von Stadtteilen, Städten und später auch städteübergreifend.
Weil die Menschen, die aus dieser Bewegung hervorgehen, nicht an die bisherigen Parteien und Organisationen gebunden sind, glaubt Hosseini, dass sie dann auch von der Gesamtheit der Unzufriedenen als repräsentativ wahrgenommen werden.

Mahsa Amini