Iran – Türkei: Morden im Nachbarland

Am 14. November 2019 wurde der iranische Flüchtling Masoud Molavi Vardanjani in Istanbul, Stadtteil Schischli, mit 11 Schüssen in den Rücken ermordet, als er mit seinem Bekannten Ali Afsanjani spazieren ging.

İranlı ‘etik’ korsan nasıl öldürüldü?
Abbildung: http://www.milliyet.com.tr

Die Hintergründe erklärt der türkische Journalist Ferit Zengin in einem Artikel in der türkischen Tageszeitung Milliyet vom 14.03.2020.

Demnach war Masoud Vardanjani ein Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes. Er hatte an der Technischen Universität von Georgia eine Doktorarbeit über künstliche Intelligenz geschrieben, soll eine sehr wenig Strom verbrauchende „Lampe aus Papier“ entwickelt haben und bei der Entwicklung von Drohnen mitgearbeitet haben. Vardanjani hat einen Abschluss von der Islamischen Universität in Najafabad. Nach seiner Flucht aus dem Iran veröffentlichte er in sozialen Medien Informationen über die Korruption bei den iranischen Revolutionswächtern. Laut iran-emrooz betrieb er einen Telegram-Kanal mit dem Namen „Ja°be-ye siyah“ (Black box).

Am 26. November 2019 beschuldigte der US-Außenminister Mike Pompeo die iranische Regierung, für die Ermordung von Masoud Vardanjani verantwortlich zu sein.

Die Staatssicherheit (Emniyet Müdürlügü) von Istanbul untersuchte den Mordfall gemeinsam mit dem türkischen Geheimdienst MIT. Dazu wurden u.a. 320 Stunden Video-Aufzeichnungen von an 90 Orten installierten Kameras ausgewertet, 35 Personen verhört, 185 Personen angesprochen und 49 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Demnach wurde der Mordanschlag von einer Gruppe von 13 Personen durchgeführt, von denen 12 festgenommen wurden und einer fliehen konnte. 7 sind Iraner, 6 sind Türken. Als Anführer der Gruppe wird Ali Esfanjani bezeichnet, der einzige, der fliehen konnte.

Der Todesschütze selbst hat die Waffe nur 5 Minuten vor dem Überfall erhalten.

Die letzte Zwischenüberschrift des Artikels in Milliyet lautet:

Ölüm emrini Zindaşti verdi – Den Todesbefehl hat Zindaşti erteilt.

Milliyet, 14.3.2020

Zindaşti ist ein gut vernetzter Drogenhändler, der im Ergenekon-Prozess als geheimer Zeuge aussagte und auch mit einem Bediensteten des US-Konsulats in Verbindung stehen soll. Naci Şerif Zindaşti war am 19. Oktober 2019 überraschend auf freien Fuß gesetzt worden und ist seither untergetaucht.

Das ist die Version vom 14. März 2020.

Danach ist eine überraschende Wende festzustellen, diesmal in einem

Artikel der türkischen Tageszeitung Sabah vom 31.3.2020, verfasst von ABDURRAHMAN ŞİMŞEK und Nazif KARAMAN.

Dort heißt es, dass Vardanjani kritische Beiträge über die iranischen Revolutionswächter für den Kanal „Parastoo“ verfasst hat. Parastoo (Schwalbe) wird wohl von einer Hacker-Gruppe betrieben.

Vardanjani war im Juni 2018 aus dem Iran geflohen und nach Istanbul gekommen. Damals freundete er sich mit Ali Esfanjani an, der über iranische Geschäftsleute (namentlich Armin Parvazi) mit dem iranischen Geheimdienst zusammenarbeitete. Einen Tag vor dem Mordanschlag trafen sich Armin Parvazi und Ali Esfanjani (Vardanjanis „Freund“) mit Abdulvahhab Koçak, einem Auftragsmörder, der für den Drogenbaron Naci Şerif Zindaşti arbeiten soll. Am 14. November, also Stunden vor dem Anschlag, begab sich Ali Efsanjani aufs iranische Generalkonsulat ins Istanbul (10.08-10.39 Uhr). Am Abend des 14. Novembers, rund eine Stunde vor dem Mord, traf sich Ali Esfanjani mit dem Todesschützen Abdulvahhab Koçak im Kanyon AVM (Einkaufszentrum) in Levent.

Am Folgetag, den 15. November, stellte das iranische Generalkonsulat in Istanbul einen Reiseausweis für Esfanjani aus, der auf den Namen Abbas Feramarzi lautete und diesem durch Mittelsmänner um 20.25 Uhr übergeben wurde. Am 16. November reiste Efsanjani mit dem falschen Pass per Bus nach Ağrı/Doğubayazıt, von wo er am 17. November von einem Menschenschmuggler über die Grenze in den Iran gebracht wurde. Der Schmuggler handelte auf Anweisung eines iranischen Geheimdienstlers. Der Todesschütze kam in einer Residenz des Drogenbarons Zindaşti unter.

Unabhängig davon, was an diesen Angaben stimmt, fällt der Unterschied zwischen den beiden Versionen auf, die ja beide aus Ermittlungsquellen stammen. Während Mitte März noch ein Drogenbaron für die Ermordung verantwortlich gemacht wird, wird in der zweiten Version deutlich der iranische Staat verantwortlich gemacht, der einiges unternommen hat, um den Organisatoren des Mordanschlags in Sicherheit zu bringen.

Mit den Gründen dieses Wandels befasst sich die von Saudiarabien finanzierte Medienplattform al-Arabiya.

Demnach existiert eine enge Zusammenarbeit zwischen Erdogan und den iranischen Geistlichen. Das wurde während des ersten Embargos deutlich, als die Türkei ein Geschäft Gold gegen Erdgas durchführte, wodurch der Iran zu Gold als Zahlungsmittel kam, und auch durch die Aktivitäten der türkischen Halkbank, die ebenfalls dem iranischen Regime unter die Arme griff. Bei den Ermittlungen gegen Halkbank kam zum Vorschein, dass der Iran wohl auch unter türkischen Politikern geschmiert hatte, um die Verbindungen zu erleichtern. Der Artikel sagt weiter, dass einige Leute um Erdogan Anhänger der islamischen Revolution im Iran sind und dass beide Saudi-Arabien als Gegner sehen. In einem Punkt stehen Erdogan und die iranischen Machthaber allerdings auf der Gegenseite. Im Krieg in Syrien.

Im Februar 2020 kam es dort bei Idlib zu blutigen Gefechten zwischen türkischen Truppen und den vom Iran unterstützten syrischen Regierungstruppen. Der gezielte Leak über die Machenschaften des Irans im Ausland ist also so etwas wie eine Retourkutsche für die blutigen Verluste in Idlib.

Al-Arabiya geht allerdings davon aus, dass sich die Beziehungen zum Iran nicht merklich verschlechtern werden, solange Erdogan in der Türkei an der Macht ist.

Quellen:

https://www.milliyet.com.tr/gundem/iranli-etik-korsan-nasil-olduruldu-6165342
14.03.2020 – 07:00 | FERİT ZENGİN

https://www.sabah.com.tr/gundem/2020/03/31/iranli-ajana-kasikci-benzeri-suikast

https://english.alarabiya.net/en/views/news/middle-east/2020/04/02/Turkey-s-leak-of-Istanbul-killing-shows-unlikely-marriage-with-Iran-under-strain

http://www.iran-emrooz.net/index.php/news1/83538/
Friday 3 April 2020 = 15. Farwardin 1399
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